Folgen Sie uns:

Chemnitz meine neue Heimat

Gespräch mit Herrn Balk, 04.12. 2013

Chemnitz wurde im November 1944 unsere neue Heimat

Wie haben Sie die Kriegsjahre erlebt?

Wir hatten als Kinder, ich war da fünf Jahre alt, verdammten Kohldampf. Es war eine harte Zeit damals. Unsere Mutter flüchtete mit uns im November 1944 aus Ostpreußen nach Chemnitz. In Grüna wurden wir in einem Haus einquartiert in dem sich eine Bäckerei befand. Unten war die Bäckerei in der es Brot, Kuchen und Brötchen gab und wir hatten ständig Hunger, da haben wir uns etwas einfallen lassen, um auch etwas zu Essen zu bekommen. Gern gesehen waren wir als Flüchtlinge auch nicht. Für alles wurden wir verantwortlich gemacht. So zum Beispiel auch für die Schaben in der Backstube, die sollten wir eingeschleppt, mitgebracht haben, dabei war alles was wir mitbrachten, die Kleidung die wir am Leibe trugen und ein mit der wenigen Habe gefülltes Betttuch.

Wie war das konkret?

Im November 1944 ging meine Mutter mit vier Kindern auf den letzten Transport aus unserer Gegend nach Sachsen. Dies geschah damals auf den Befehl des Bürgermeisters hin. Die Rote Armee rückte vor. Unser Treck ging per Zug. Es waren Viehwagons, Tag und Nacht ging die Fahrt. Die Züge der Wehrmacht wurden ja vorrangig befördert und so mußten wir warten bis die Strecken frei waren.Wir lebten damals in Hanffen/ Kreis Lötzen. Meine Eltern arbeiteten auf einem Bauerngut. Dort wohnten sie in einem Haus mit ihren Kindern. Keineswegs hatten wir in Ostpreußen Eigentum, wie es später viele Flüchtlinge behaupteten. Plötzlich hatten alle eine Haus und eine Mühle als sie flüchteten, die meisten hatten wohl nur ein Wetterhaus und eine Kaffeemühle. Auch solche Behauptungen führten dazu, daß die Flüchtlinge nicht gut angesehen waren. Die Reichen waren nicht mit den Trecks geflüchtet, die hatten Autos.

War das Ziel der Flucht bekannt?

Nein, das wurde vom Roten Kreuz geleitet. Wir kamen in Chemnitz auf dem Hauptbahnhof an und wurden aufgeteilt. Manche kamen nach Siegmar, nach Schönau oder Wüstenbrand, wir kamen nach Grüna. Wir wußten also nicht wohin wir kommen sollten. Unsere Fahrt dauerte damals mehrere Wochen und es muß Ende November 1944 gewesen sein, denn es lag schon Schnee, als wir ankamen. In der Bäckerei wurden wir einquartiert. Die vier Frauen besaßen wohl mehrere Häuser. Als wir ankamen erhielten wir Spenden von den Leuten der Umgebung. Etwas Geschirr, ein wenig Wäsche. Mein Bruder und ich hatten Hautausschlag bekommen. Es lag vielleicht an unserer Unterernährung, auf jeden Fall eiterte es sehr. Und die Mutter mußte mit mir zum Arzt, möglichst einem Hautarzt. Und so fuhr meine Mutter mit mir jeden zweiten Tag im Winter zu einem Hautarzt ins Zentrum. Teilweise war ich so schwach, daß ich nicht laufen konnte. Einmal konnten wir nicht zurück fahren, da Fliegeralarm war und die Mutter war mit mir im Kaßberg in einem Luftschutzbunker. Zurück hat sie mich den ganzen Weg bis nach Grüna tragen müssen.

Wie erlebten sie die letzten Monate des Krieges?

Meine Schwester kehrte nochmals nach der Heimat zurück, es hieß ja damals, daß alle bald zurückkehren, sie traf den Bürgermeister noch an und auch meinen Vater, der damals beim „Volkssturm“ war. Sie schloß alles, was wir später noch brauchen konnten und was uns wichtig erschien in einen Raum ein. Überall waren Soldaten einquartiert.

Eigentlich waren wir neun Geschwister. Einer meiner Brüder ist bereits mit achtzehn Jahren in Russland gefallen. Der war so gläubig, daß er meinte der liebe Gott habe ihn überzeugt, daß er als Soldat gehen müsse.

Ich wurde dann in Grüna mit sechs Jahren eingeschult. Schule haben wir geschwänzt, es hat ja kaum einer einen Überblick gehabt. Die Bombenangriffe auf die Stadt erlebten wir in Grüna, auch den großen Angriff am 5. März 1945. Meine Mutter wurde vom Luftschutzwart gefragt, ob sie mit raus kommen wolle, um sich das anzusehen. Unser Haus befand sich in der Nähe der Kirche. In der Bäckerei wurde auch während der Angriffe gebacken. Wir Kinder hatten in diesem Moment Angst, wollten nicht alleine bleiben. Also nahm uns die Mutter mit nach draußen. Mein Bruder war drei Jahre jünger, der hat das gar nicht so fassen können. So standen wir an der Straße und es war taghell. Gestelle, so wie geschmückte Weihnachtsbäume, mit fünf bis sieben runden kugelförmigen Lichtern, waren überall zu sehen, das war die Markierung der Ziele. Die standen da. Sie hießen bei uns auch „Christbäume“. Und dann ging es los. Die Erde bebte und zitterte. Alles wackelte. In Grüna ist zum Glück nicht viel geschehen. Es gab drei Bombeneinschläge. Unter anderem am Forsthaus, dort verlief die Eisenbahnstrecke nach Limbach und die Brücke sollte zerstört werden. Diese Nacht habe ich nie vergessen, die „Christbäume“ sahen zwar schön aus, aber gleichzeitig gab es lange dunkle Schatten und denen folgten die Bomben.

Welche Erinnerung haben sie an die Zeit nach den Angriffen auf die Stadt?

Vor allem erinnere ich mich an den Hunger den wir schoben. Die Bäckerei wurde von vier Frauen betrieben. Sie wurden die „Nonnen“ genannt. Außerdem war da noch ein „scharfer“ Hund, doch der Wachhund, ein Schäferhund, hatte mehr Angst vor uns Kindern als wir vor ihm. Wir waren also ständig auf der Suche nach etwas Eßbaren. Oft war es so, daß der Hund etwas zu essen bekam, sogar Brot, da haben wir ihn weg gejagt und uns das Brot geschnappt. Das muß man sich mal vorstellen, vor den Augen der Kinder wurde der Hund mit dem Brot aus der Bäckerei gefüttert! Mit der Zeit bemerkte ich, daß die Frauen wahnsinnige Angst vor Fliegeralarm hatten. Das nutze ich aus. Wenn die Frauen, es war dann schon Frühling 1945, in den Korbsesseln auf dem Hof saßen zum Kaffee trinken, da gab ich meinen Geschwistern Bescheid, daß sie sich bereit hielten. Oben vom Abort der Wohnung aus konnte ich den Hof einsehen. Ich machte dann die Sirene nach und täuschte Fliegeralarm vor. Ich imitierte das Geräusch drei mal und so dachten die Frauen es sei Alarm. Fluchtartig verließen sie den Hof, schnappten schnell noch die Handtasche und gingen in den Keller. Meine Geschwister räumten schnell den Tisch ab, alles was eßbar war verschwand. Nachdem alles abgeräumt war, gab ich Entwarnung. Die vier Weiberchen kehrten zurück. Der Hund stand sofort unter verdacht und bezog Prügel.

Hat das mit dem Fliegeralarm öfter funktioniert?

Ja hat es, die haben den Schwindel nicht bemerkt. Vielleicht war die Angst so groß? Nein, es wurde nicht bemerkt.

Wie war es zu Kriegsende?

Ich weiß noch so viel, daß damals der Ami bis zum Reichenbrander-Berg und Grüna vorgerückt war, Wüstenbrand und Hohenstein ebenso, es war die Grenze zu den russischen Soldaten. Uns Kindern war das egal. Zu den Kindern waren sie alle gut. Die russischen, wie auch die amerikanischen Soldaten gaben uns was sie übrig hatten und wir hatten etwas im Magen.

Über die Anfänge der Konzentrationslager in Sachsen

Dr. Hans Brenner und seine 50 Mitstreiter habe ein umfangreiches Werk über die Anfänge der Konzentrationslager in Sachsen vorgelegt. Die Neuerscheinung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wirft ein neues Licht auf die Zeit der Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 in Sachsen. Zu den Themen zählen das System der Frühen Konzentrationslager von 1933 bis 1937 (mit mindestens 80 sächsischen Städten und Gemeinden), die politischen Prozesse gegen Gegner des NS-Systems, Opferschicksale aus den verschiedenen Verfolgten-Gruppen und die als Todesmärsche bezeichneten Evakuierungsmärsche aus Konzentrationslagern und deren Außenlagern ab Herbst/Winter 1944 über sächsisches Territorium. Mit einem umfangreichen Datenanhang und vier thematischen Karten liefert das Buch neuestes Forschungsmaterial für die sächsische Heimat- und Landesgeschichte. Brenner, Hans / Heidrich, Wolfgang / Müller, KlausDieter / Wendler, Dietmar (Hrsg.) NS-Terror und Verfolgung in Sachsen. Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2018, 624 S