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1918 kam ich in die Schule und mein Vater erwirkte, dass ich nicht am Religionsunterricht teilnehmen musste. Aus vielerlei Gründen wurde ich in der Schule sehr benachteiligt und schlimm war es für mich, dass ich ein Roter Pionier war. Aber ich war ebenfalls eine gute Schülerin. Im Jung-Spartakusbund war ich aktiv und lernte früh die Klassenunterschiede kennen. Unterrichtet wurden wir von Dora Peter, Kurt Kretschmar, Else Schreiter u.a.. Ich war sehr wissbegierig und leistete schon als Kind politische Arbeit. Wenn der „Kämpfer“ verboten war, dann trug ich ihn illegal zu den Genossen, die in der Jahn- und Fichtestraße wohnten. Bei keiner verbotenen Demonstration fehlte ich. Bei den Wahlen trugen wir Flugblätter aus und zogen mit unseren schmalen Händen vorher die Wahlwerbung der anderen Parteien aus den Briefkästen Im Kämpfer herrschte dann stets Freude, wenn wir damit ankamen. Unsere Gruppennachmittage waren für mich interessant und ich lernte viel. Die letzte beiden Schuljahre besuchte ich die freie Humboldtschule. 1926 kam ich aus der Schule und nahm an der ersten kommunistischen Jugendweihe im Marmorpalast teil. Dort wurde ich feierlich dem KJVD übergeben.
Ich fand eine Arbeitsstelle in einer kleinen Textilfabrik (Firma Tischendorf) als Lagerarbeiterin. Leider war mir durch die finanzielle Lage meines Vaters versagt, einen Beruf zu erlernen. Aber ich entwickelte mich politisch gut. Von 1927-29 gehörte ich der Unterbezirksleitung Erzgebirge-Vogtland des KJVD an. Ich war in der Org.-Abteilung tätig. Unser Sekretär war Hans Sager, später Arthur Emmerlich. Der „Kämpfer“ wurde zu meiner 2. Heimat. Ganz aktiv nahm ich an Streikbewegungen teil. Da wurden Flugblätter verteilt, Streikposten gestanden, Verbindung zwischen Streikposten und „Kämpfer“ hergestellt, demonstriert und diskutiert. Auch bei den Recenia-Werken war ich dabei, als in die streikenden Arbeiter während einer Kundgebung geschossen wurde. Verbotene Demonstrationen führten wir als Sterndemonstrationen durch. Treffpunkt, singen, marschieren, auflösen, zum nächsten Treff. Die Polizei konnte uns auf diese Art nicht fassen. Fest standen wir an der Seite der KPD. Wahlvorbereitung und Versammlung führten wir mit Begeisterung durch. Da wurden nachts Plakate geklebt, die andere Parteien heruntergerissen hatten. Am Wahltag selbst machte ich per Rad Kurierdienste zwischen Engelsberg und „Kämpfer“. Alle zwei Stunden wurden die Ergebnisse zum „Kämpfer“ gebracht. War die Wahl beendet, wurden quer über die Schützenstraße auf einem Transparent die Ergebnisse der Wahllokale bekannt gegeben, wenn in einem Wahllokal Stimmenzunahme der KPD zu verzeichnen waren. Illegale Arbeit war, wenn wir der Ziergiebelpolizei Zersetzungsmaterialien in die Briefkästen steckten. Dies führte ich mit Umsicht und Vorsicht aus. Auch bei großen und verbotenen Kundgebungen, wie zum Beispiel Protest gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti, fehlte ich nicht. Das war aber schon gefährlich. Die berittene Polizei mit aufgepflanzten Bajonetten patroullierte zwischen der Königstraße und dem Theaterplatz.
An allen Jugendtreffen nahm ich teil, manchmal wurden sie trotz Verbot durchgeführt und endeten nicht unblutig.
Einmal im Jahr, im Urlaub, war ich eine Woche zur Schulung in der Jugendherberge Vierenstraße. Wir wurden oftmals von Genossen des ZK unterrichteten.
1929 trat ich in die KPD ein. In meinem Gebiet (das wurde als Zelle bezeichnet) war ich Kassiererin und stellvertredende Vorsitzende. Wir kämpften mit allen Mitteln gegen den aufkommenden Faschismus und auch nach 1933 illegal im Rahmen der Möglichkeiten weiter.
Manchmal bekamen wir von einem Instrukteur Anweisungen, die sofort durchgeführt werden mussten. 1933 haben wir nachts im Treppenhaus des Betriebes Beckert mit Ochsenblut in Druckschrift gegen die Nazis gemalt. Zeuge dieses Geschehens war Fredo Ritscher. Mit einem Genossen habe ich alles riskiert und immer Glück gehabt, nicht ertappt zu werden. Die Genossen baten mich unterzutauchen und eine andere berufliche Tätigkeit aufzunehmen und die illegale Arbeit in der Zelle zu tarnen. Ich arbeitete in verschiedenen Lichtspielhäusern als Platzanweiserin. Damit konnte ich der Gestapo nachweisen, dass ich nachts arbeite und keine Zeit für politische Arbeit habe. Haussuchungen gab es bei uns oft. Bald wegen mir, meines Bruders oder meines Vaters. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen. Er brachte viel Material aus dem Haus, und ich entzog mich so den Verhaftungen. Mein Bruder und mein Vater wurden 1933 ins Hansa-Haus verschleppt und unter Schlägen verhört. Mich wollten sie auch mitnehmen, doch ich war unterwegs und wurde noch gewarnt. Dann hielt ich mich 10 Tage bei meiner Großmutter auf. In unserer Zellenarbeit entwarfen wir Flugblätter gegen den Faschismus, die wir auf einem Vervielfältigungsapparat herstellten und in die Briefkästen steckten. Die Kassierung führten wir so lange durch, bis wir die Anweisung erhielten, diese einzustellen. 1934 wurde mein Bruder mit Genossen Steinhauser verhaftet, weil er illegal Flugblätter verteilt hatte. Mein Bruder hat mich bei den Verhören nicht mit genannt. Genosse Steinhauser war meine Mitarbeit an den Flugblättern nicht bekannt. Mein Bruder saß auf Schloss Osterstein die Strafe für mich mit ab.
Mit einigen Unterbrechungen (1938 wurde mein Sohn Peter geboren) arbeitete ich illegal weiter. 1940/41 entging ich abermals einer Verhaftung. Wir hatten Flugblätter gegen den Krieg hergestellt, verteilt und Geld für die Familien der inhaftierten Genossen gesammelt. Der Vorsitzende meiner Zelle, Hans Schneider, und seine Familie habe ich nicht wieder gesehen. Im Oktober 1944 wurden ich und 32 Genossen nachts verhaftet und alle kamen in Untersuchungshaft in Chemnitz. Dort arbeiteten wir noch in Betrieben an kriegswichtigen Aufträgen. Später kamen wir nach Waldheim. Ich hatte 1943 Material von Kurt Sindermann von Dresden mit nach Chemnitz genommen und auftragsgemäß an die Genossen verteilt. Es war Material von einem illegalen Parteitag in Leipzig das anzeigte, wie wir bei einem Zusammenbruch des Faschismus weiterarbeiten. Zusammenkünfte mit Kurt Sindermann fanden in unserer Wohnung statt.
Es kam zur Anklage und ich wurde zu drei Jahren Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt.
Am 7. Mai 1945 wurden wir von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Waldheim befreit.
Meine Befreiung aus dem Zuchthaus Waldheim
Ich hatte in meiner Zelle im Zuchthaus Waldheim viel Zeit zum Nachdenken. Es waren die letzten Wochen und Monate vor dem totalen Zusammenbruch des deutschen Faschismus’. Frühling 1945: Kein Sonnenstrahl erwärmte die Zellen des Zuchthauses. In den dicken Mauern steckte noch die Kälte des Winters. Ich fror schrecklich und der Hunger war dem eines Raubtieres gleich. Die Gedanken drehten sich immer in einem Kreis – werden wir den Faschisten zum Opfer fallen, oder wird uns die Sowjetarmee rechtzeitig befreien, werden unsere Angehörigen noch leben, was macht mein kleiner Sohn Peter, werden wir überhaupt noch ein Heim besitzen?
Am 12. und 13. April 1945 standen wir wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor dem Volksgerichtshof. Es war zugleich die letzte Verhandlung des Volksgerichtshofes. Der Volksgerichtshof war nach Waldheim gekommen, weil unser Transport nach Berlin zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war. Die Richter sind am 13. April vor den heranrückenden amerikanischen Truppen geflohen. Der Amerikaner stand direkt vor Waldheim. Was konnten die amerikanische Truppen eigentlich hindern nach Waldheim zu kommen um uns zu erlösen? Dieses Zögern konnte uns noch das Leben kosten. Aber was lag schließlich den Amerikanern daran, tausende Kommunisten und Antifaschisten zu befreien? Das Warten zerrte an den Nerven. Der Gedanke, dass man uns vor dem Zusammenbruch noch umbringen könnte, war zum Verrücktwerden. So wie wir Monate vorher tapfer gestorben wären, so tapfer wollen wir jetzt unter allen Umständen überleben, teilnehmen an dem Geschehen einer neuen, einer besseren Zeit für die wir bisher gestritten hatten. Wie schön war der Gedanke frei zu sein, sich im Sonnenschein bewegen zu können, auch wenn der Anfang noch so primitiv und schwer wäre.
Mein Befreier - ein Rotarmist
Es kam die Nacht zum 7. Mai 1945. Das langersehnte wurde Wirklichkeit. Ich hörte schwere Fahrzeuge, lautes Getobe, Schreie, Kettenklirren und der Gesang der Marseilles ließ mich aufhorchen. Mein Herz schlug laut vor Aufregung und Freude. Es gab keine Zweifel mehr, die Stunde der Befreiung war gekommen. Ein noch unterdrücktes Jubeln – der Körper vibrierte - diesmal vor Freude. Die Spannung ließ Körper und Geist fast zerbersten. Immer lauter wurde es im Zellenhaus und im Gang. Und in diesen Minuten hatte ich nur einen Wunsch: Es sollen die Rotarmisten sein, die uns befreien.
Kaum gedacht wurde die Zelle aufgeschlossen und über mich beugte sich ein Soldat – der Atem stockte vor Glück – an der Mütze der Sowjetstern. Es war ein herzliches Händeschütteln und unsere Blicke und Herzen fanden sich. Gemeinsam empfanden wir Glück, Freude, Achtung, Liebe und nicht zuletzt Stolz. Worte sind viel zu arm, um Gefühle und Empfindungen dieser wenigen Minuten zum Ausdruck zu bringen. Meine Anspannung löste sich in Tränen auf. Man hatte uns nicht nur schlechthin befreit, sonder uns das Leben gerettet. Noch ein gütiges Lächeln des Soldaten, ein fester Händedruck mit Tränen in den Augen. Mit soldatischer Ehrenbezeigung verabschiedete sich mein Befreier, um die nächste Zellentür zu öffnen. Von unten hörte ich es rufen: schwarze Ly, schwarze Ly. Wir, die wir gemeinsam illegal gegen den Faschismus gekämpft haben, verurteilt und nun befreit wurden, wir suchten uns. Ein einziger Jubel erfüllte den riesigen Bau. Sowjetische Soldaten und eine Genossin dolmetschten. Wie gut wir uns verstanden. Wir waren frei, erlöst von aller Pein. Dann kamen unsere Genossen, und wir verbrachten gemeinsam die ersten Stunden der Befreiung nach all dem Schrecklichen. Kurze Zeit später waren wir im Männerzuchthaus. Es war ein wahrer Taumel voller Freude und Glück. Wir lagen uns in den Armen und feierten Wiedersehen mit Genossen, die 10 und mehr Jahre im Zuchthaus geschmachtet hatten.
An dieser Stelle möchte ich den ruhmreichen Sowjetsoldaten Dank sagen. Damals wusste ich noch nicht, dass sie uns später beim Aufbau unserer zerbombten Heimat ein treuer Freund und Helfer sein werden.
Am 8.Mai 1945 machten wir uns auf den Weg nach Hause, die Beine, konnten uns kaum tragen. Die Freude und das Glück über unsere Rettung verliehen uns die nötigen Kräfte und so kamen wir halb verhungert und vollkommen erschöpft in Chemnitz an. In dem Dokumentarfilm „Eine Stadt hilft sich selbst“ ist dieser Marsch mit festgehalten.
Laut Anklageschrift des Oberreichsanwaltes beim Volksgerichtshof vom 21.02.1945 waren im April 1945 angeklagt: Willy Reinl, Willy Neuber, Max Müller, Karl Winter, Liesbeth Epperlein, Max Brand – wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung.
Ly (das war ihr Wunschname) wurde am 12.03.1912 in Chemnitz geboren. Sie verstarb im August 2010 im Alter von 98 Jahren.
Sie stammte aus einer armen Arbeiterfamilie. Die Mutter verstarb, als Ly 6 Jahre alt war.
Der Vater Richard Neumann und der Bruder Willy waren Mitglied der KPD und Ly wurde von Kind auf proletarisch erzogen.
Mit 9 Jahren wurde sie Mitglied im Jung-Spartakusbund und nahm an der ersten kommunistischen Jugendweihe 1926 in Chemnitz, im Marmorpalast, teil und wurde als Mitglied in den KJVD aufgenommen.
Sie bekam nach 8 Jahren Volksschule eine Arbeit in einer Handschuhfabrik – Geld für eine weitere Ausbildung hatte die Familie nicht. Im KJVD war Ly in die Unterbezirksleitung Erzgebirge/Vogtland gewählt worden und in der Org-Abteilung tätig. 1929 trat sie der KPD bei und war in ihrer Zelle Kassiererin und stellvertretede Vorsitzende.
Ab 1933 arbeitete Ly illegal weiter und erfüllte Aufgaben der Partei gegen den Faschismus. Ihre Arbeit als Platzanweiserin in mehreren Lichtspielhäusern der Stadt nutzt sie für die illegale Arbeit. 1934 wurde ihr Bruder verhaftet; Ly entging damals der Festnahme und konnte durch Wohnungswechsel unerkannt bleiben. 1936 heiratete sie den parteilosen Theaterarbeiter Kurt Epperlein. 1938 wurde Sohn Peter geboren. Oft wurde ihre Wohnung für illegale Treffs der Widerstandsgruppe Schneider und Müller/Winter der KPD genutzt. Ihr Mann war bei der Wehrmacht.
1944, im Oktober, erfolgte (durch Verrat) die Verhaftung der gesamten Widerstandsgruppe - 33 Personen - und Ly wurde zuletzt im Zuchthaus Waldheim inhaftiert. Es erfolgte im April 1945 die Anklage als Vorbereitung zum Hochverrat und die Verurteilung zu 3 Jahren Haft.
Am 7. Mai 1945 wurden die noch lebenden Gefangenen von der Roten Armee befreit und Ly ging wieder zurück nach Chemnitz. Ihr Gesundheitszustand war sehr schlecht.
Sie stellte sich aber der Stadt zur Verfügung, arbeitete mit bei der Volkssolidarität und 1947 bis 1950 war Ly Stadtverordnete und Schöffin am Bezirksgericht. 1950 wurde sie wegen des schlechten Gesundheitszustandes von allen Aufgaben entbunden und 1953 Invalide. 1957 nahm sie eine Tätigkeit im Rat des Stadtbezirkes VI als Sachbearbeiterin auf. 1962, wieder schwer erkrankt, musste sie die Arbeit aufgeben.
Von der Gründung bis zur Auflösung war sie Kreisvorstandsmitglied der VVN und arbeitete später ehrenamtlich in der Stadt VdN. 1967 wurde Ly VdN Rentnerin. Ab 1974 bis 1989 arbeitete sie aktiv im Bezirkskomitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer Karl-Marx-Stadt. Sie bekam für ihre antifaschistische Tätigkeit einige Auszeichnungen verliehen.
Am 18.August 2010 verstarb Ly Epperlein im Seniorenheim ProVita in Chemnitz. Die sterblichen Überreste wurden auf dem VVN-Friedhof in Chemnitz, Reichenhainer Str. beigesetzt.