Zwangsarbeit und Kriegsende

Gespräch mit Frau Müller am 4.12.2013

Wie lebten Sie damals in Chemnitz?

Meine Mutter, Ilse Hellwig, war während des Krieges zu Hause, ging nicht arbeiten. Sie hat in dieser Zeit uns Kinder, ich war fünf Jahre alt, groß gezogen. Vor dem war sie ein „Ostermädel“, hatte keinen Beruf lernen können und mußte direkt arbeiten. Sie war angestellt bei „Schettler und Söhne“ in Schönau.

Wir wohnten damals auf der Chopinstraße, diese hieß Gabelsbergerstraße, in der Nummer 47. In der Nähe der Schule. Mein Vater war im Krieg, meine Zwillingsschwester, mein Bruder und ich, wohnten mit der Mama zusammen.

Wo sich heute die Gartensparte „Gartenglück“ befindet ging unsere Mutter oft mit uns spazieren. Damals war das ein Gebiet, wir nannten es „Bahnwald“, dort befanden sich Barackenlager für Zwangsarbeiter. Die Zwangsarbeiter hielten sich dort auf, verließen aber auch das Lager, sie mußten ja zur Arbeit. Und da kam es zum Zusammentreffen.

Wie muß man sich diese Begegnung vorstellen?

Wir waren mit der Mutter draußen und haben als Kinder viel herumgealbert, haben Ball gespielt. Meine Schwester spielte den Ball zu einem Mann, der spielte zurück und es ergab sich ein Gespräch. Meine Mutter bemerkte schnell, daß er nur gebrochen Deutsch sprach. Es stellte sich heraus, daß er aus der Ukraine stammte und Lehrer war. Eigentlich durfte man mit den Leuten keinen Kontakt haben, das war verboten.

Aber Ihre Mutter hielt den Kontakt?

Ja, es gab einen Laden auf der Neefestraße, heute gibt es den auch nicht mehr, in dem kauften wir immer ein, waren also gut bekannte Stammkundschaft. Auch die Inhaber durften den Zwangsarbeitern nichts verkaufen, also z. B. Brot oder andere Lebensmittel. Da hat meine Mutter den Zwangsarbeitern, dem Lehrer, heimlich einen „Wink“ gegeben und sie bekamen eben dann doch ein Brot.

Wie war das konkret?

Es war der Lebensmittelladen „Gasch“, Kolonialwaren-Laden, ein „Tante Emma“ Laden würde man heute sagen. Dort gab es eben alles zu kaufen, vom Petroleum bis zum Brot. Einige der Zwangsarbeiter hatten ja auch kleine Kinder, oder ein Baby, die im Lager geboren wurden, die hatten also Hunger. Im Laden bekamen sie aber nichts. Meine Mutter steckte den Zwangsarbeitern von unseren Brotmarken einige zu, denn die hatten keine. Mit den Brotmarken konnten sie nun in den Laden und bekamen dann eben doch ein Brot, heimlich, unterm Ladentisch, wenn keine andere Kundschaft da war.

Hatte Ihre Mutter Angst?

Das glaube ich nicht, sie war vorsichtig. Unangenehm war ihr, daß die Zwangsarbeiter sich dann in der Öffentlichkeit vor dem Laden oder auf der Straße bedankten. Manche wollten der Mutti einen Handkuß geben, doch es war eben nicht gestattet, Kontakt zu haben. Da mußte man vorsichtig sein, denn es gab ja überall Leute die etwas beobachteten und die Information weitergaben, die hätten da keine Rücksicht genommen, daß die Mutter drei Kinder hat.

War bekannt wo die Zwangsarbeiter eingesetzt waren?

Ja, durchaus, sie arbeiteten in der „FeWa“, bei „Union“ oder in der „Schleifmaschine“. Andere arbeiteten bei „Baums“, Zwickauer Straße 54, dort wurden Tresore hergestellt.

Gab es sonst Kontakte zu den Zwangsarbeitern?

Nein, die Hilfe meiner Mutter war in den Jahren 1943/1944. Sie war zu dieser Zeit 29 Jahre alt. Wir Kinder waren immer dabei. Der Herr Gasch, war wohl human eingestellt, legte sich zwar nicht mit den Nazis an, gab aber eben die Lebensmittel raus. Ich kann mich entsinnen, daß 1945 die Baracken brannten und die Leute fort kamen, noch lange vor Ende des Krieges, wir haben den Brand damals gesehen.

Wie haben Sie das Kriegsende in Chemnitz erlebt?

Ich kann mich erinnern, wir wurden 1944 mit sechs Jahren, eingeschult, meine Mutter wollte das damals nicht, denn wir waren noch sehr klein. Dort wo heute an der Stolberger Straße die Senioren-Einrichtung „Sen Vital“ ist, standen eine Kirche und ein Bunker, auf dem Niklasberg. Vor dem großen Bombenangriff auf die Stadt war meine Oma zu Besuch, sie stammte aus Dorfchemnitz. Es war geplant, daß wir die Stadt verlassen, denn die Fliegerangriffe fanden nun schon am Tage statt. Auch als die Oma uns besuchte. Von der Straße weg strömte bei dem Angriff alles in diesen Bunker. Es war der Samstag vor dem 5. März 1945, der war ja am Montag.

Der größte Bunker in der Stadt befand sich wohl an der Chemnitz, unter dem Kaßberg, da wo heute „Schliwas“ Weinhandlung ist. Dort war unsere Mutter mit uns auch einmal, doch dann nicht mehr, denn der war sehr voll und eng und es gab nur einen Ausgang aus der langen Röhre. Sie wollte lieber im Keller bei uns zu Hause bleiben.

Doch es gelang uns noch, aus der Stadt raus zu kommen. Wir kamen in Ginsdorf bei einem Bekannten meiner Oma aus der Schulzeit unter. Die hatten da ein Häuschen in dem wir mit ihnen wohnten. Zwei Wochen später kehrten wir nach Chemnitz zurück, in eine völlig zerstörte Stadt. Unser Haus, mein Geburtshaus, war unversehrt, blieb stehen. Am Tag der Befreiung, am 8. Mai 1945 waren in der ganzen Stadt, in fast allen Straßen, weiße Fahnen zu sehen. Mein Vater war zu dieser Zeit im Krieg, er kam am 31. Oktober 1947 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Von meinem Mann weiß ich, daß es solche kleine Hilfe für Fremdarbeiter auch von anderen Menschen in der Stadt gab. Verwandte von ihm wohnten damals am Brühl. Auch dort waren Zwangsarbeiter, Frauen und Männer, untergebracht. Die Verwandten meines Mannes versteckten Lebensmittel bei den Aschenkübeln, die die armen Menschen heimlich aufnehmen konnten.