Siegmund Rotstein

Die Zeit des Holocaust ist nur eine kurze Zeit, aber für uns war es eine lange Zeit

Siegmund Rotstein,  Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Chemnitz erinnert sich an die Zeit des Faschismus

Ich bin 1925 als 3. Kind in einem Elternhaus mit drei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen. Mein Vater war aus Polen gekommen, war nach dem 1. Weltkrieg als Dolmetscher in Deutschland geblieben. Er kam nach Chemnitz, hat hier meine Mutter kennengelernt, sie haben sich verliebt und in der Chemnitzer Synagoge geheiratet. Meine Kindheit verlebte ich mit viel Spielen in einem kinderreichen Wohngebiet auf dem Sonnenberg. Ich wurde 1932 in die Lessing-Schule eingeschult und habe zweimal in der Woche die Religionsschule im Gemeindehaus besucht. Lehrer waren Rabbiner Dr. Fuchs, Herr Krämer und Herr Sommerfeld, der einen langen Bart hatte. Nach 1935 und den Nürnberger Gesetzen bekamen wir auch in der Schule zu spüren, dass alles dafür getan wurde, uns zu diskriminieren. Wir wurden nicht mehr zum Schwimmen, zum Naturkundeunterricht z. B. im botanischen Garten oder zu Wanderungen mitgenommen. Unser Heimatkundelehrer hielt sich nicht  an diese Anweisungen und nahm mich trotzdem mit. Bis 1937 war es noch nicht so schlimm aber bald hielten uns unsere Eltern dazu an, uns von den anderen Kindern etwas zurückzuziehen. Im April 1938 kam ich eines Tages wie immer in die Schule. Der Hausmeister empfing uns Schüler morgens und prüfte alle auf Sauberkeit und Ordnung. Er hielt mich fest und schickte mich vor die Tür des Direktors. Der nahm mich mit in sein Zimmer und sagte: “Du kannst wieder nach Hause gehen. Du brauchst nicht wieder zu kommen. Deine Eltern bekommen Bescheid.“
Am selben Tag bekamen auch alle anderen jüdischen Kinder diese Nachricht. Ich wusste zu dieser Zeit schon Bescheid, was vorging und konnte es mir erklären. Wir Geschwister begannen zu Hause, uns gegenseitig zu unterrichten. Bis 1938 bin ich zu Herrn Krämer in die Wohnung gegangen und bekam dort Bar Mizwa-Unterricht. So auch am Tag als unsere Synagoge brannte. Ich sah das, rannte nach Hause und berichtete meinen Eltern davon. Ab Juni 1938 hatte die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland erreicht, dass die Juden in manchen Städten ihren eigenen Unterricht machen konnten. Wir konnten dann auf einer halben Etage der Brühl- Schule von jüdischen Lehrern unterrichtet werden, die aus anderen Städten hergeholt wurden. Direktor und Sportlehrer der jüdischen Sonderklassen war Herr Elend. Das ging nur etwa ein halbes Jahr. Eines Tages, ich hatte gerade Werkunterricht, kam die Gestapo und ließ uns sofort die Schule räumen. Wir zogen mit Handwagen, mit Sack und Pack davon und brachten alles in die Räume einer ehemaligen jüdischen Gaststätte an der Zöllnerstraße, wo später wieder Unterricht für jüdische Kinder bei einem einzigen Lehrer, Herrn Uhlmann, organisiert wurde. Unser Schulleiter, Herr Elend,  hat sich das Leben genommen, Rabbiner Fuchs hat ihn beerdigt. Der letzte Ort für den Unterricht war auf dem jüdischen Friedhof. Dort unterrichtete ein einziger Lehrer alle Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse. Später wurde der Unterricht für alle jüdischen Kinder verboten. Unsere Familie bekam ein Schreiben, dass wir das Reichsgebiet innerhalb von zwei Monaten verlassen sollten. Mit Hilfe von Freunden gelang uns etwas Aufschub.
Wir hatten kein Geld... 1939 wurde mein Vater mehrmals verhaftet und Ende 1939 verschleppt, man brachte ihn nach Polen ins Ghetto, wo er starb. Durch den Ausbruch des Krieges wurde die Ausweisung hinfällig. im April 1940 ging ich auf Hachschara zur Vorbereitung auf die Aliah nach Palästina, die von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland organisiert wurde. Zuerst kam ich hach Havelberg, später nach Hamburg und nach Ahrensdorf. 1941 bin ich von Ahrensdorf weg, weil die Nazis das Landwerk beschlagnahmt hatten, und wir durften das Hachscharalager nicht mehr betreiben. 11 Personen mussten dort zur Zwangsarbeit bleiben. Ich kam nach Berlin in ein Jugendhaus der Jüdischen Gemeinde Berlin in die Lützowstraße und lebte dort, arbeitete  in Wannsee und später in der Friedhofsgärtnerei in Weißensee und im Reitstall. Ab 1941 mussten wir den gelben Stern tragen.  Im April 1942 begannen in Berlin die Deportationen der Juden in Vernichtungslager. Mit Hilfe der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gelang es mir, wieder zurück nach Chemnitz zu gehen. Ich musste mich bei der Gestapo melden und wurde in Zwangsarbeit in die Beleuchtungskörperfirma Barthel geschickt. Ich arbeitete in der Schlosserei und Dreherei und als die Wehrabteilung gegründet wurde, fertigte ich Hülsen für die Panzerabwehrkanonen.
Im Mai 1942 fanden auch in Chemnitz die ersten Deportationen statt. Die jungen Leute, die noch in Chemnitz verblieben, wurden von der Gestapo zu Hilfsarbeiten, wie das Kontrollieren von Gepäck, gezwungen. Ich musste viele Deportationen miterleben. Sie begannen alle auf dem Hof der Technischen Akademie, der heutigen Technischen Universität an der Straße der Nationen.
Eines Tages wurde ich selber deportiert, auch vom Hof der Technischen Akademie aus. Das war bereits zu einer Zeit, als die großen Bombardements auf  Dresden stattfanden. Mein Bruder und ich wurden von der Gestapo abgeholt und zur Akademie gebracht. Auf einmal begann ein Bombenangriff. Wir mussten in den Keller und wussten nicht, was weiter mit uns geschehen wird. In den frühen Morgenstunden wurden wir dann vom Hof direkt hinüber zum Bahnhof gebracht. Dort stiegen wir in Viehwaggons ein, die nur kleine Blicklöcher und keine Bänke hatten. Wir waren insgesamt drei Tage unterwegs nach Theresienstadt. Wir wurden ständig neu angekoppelt und schließlich gerieten wir in ein Bombardement. Der Sicherheitsdienst der Gestapo kontrollierte die Waggons und schloss sie ab. Wir waren in den Waggons gefangen und erlebten den Angriff. Wir schaukelten hin und her. Dies kam von den Splittern der Geschosse des Flakgeschützes, die den Zug erwischten. Der Sicherheitsdienst kam zurück, vollkommen verdreckt, und schloss die Türen wieder auf, um zu kontrollieren, ob wir alle noch da waren. Während der ganzen Fahrt mussten wir ohne Essen und Wasser auskommen. Angekommen in Bauschowitz mussten wir aussteigen, der Sicherheitsdienst übergab uns den tschechischen Gendarmen und der SS. Frauen und Männer wurden getrennt ins Ghetto gebracht. Zuerst mussten wir durch eine Schleuße, - den Frauen wurden die Haare kurz  geschnitten – das Gepäck wurde uns weggenommen auch mein Napf war mit weg. Wir wurden in Kasernen untergebracht und kamen in Zimmer mit fünf, sechs anderen Personen. In der sogenannten Magdeburger Kaserne wurden wir verpflegt. Wir mussten auf dem Hof antreten und dann in Reihe unsere geringen Essensrationen abholen. Mein Napf war aber weg, ich und konnte nur aus einer rostigen Konservendose mein Essen einnehmen.  
Ich arbeitete erst im Häuserabbruch, später wurde die Arbeit immer wieder neu verteilt. Im Februar 1945 kamen wir nach Theresienstadt.  Per Zufall traf ich meine Schwester wieder.
Anfang 1945 kam das Internationale Rote Kreuz, um die Lager zu kontrollieren. Für diesen Besuch mussten wir auf Befehl der Wachen alles säubern, um den Kontrolleuren ein gutes Bild zu liefern. Kinder wurden beauftragt, kleine Theaterstücke aufzuführen, um  die Kontrolleure abzulenken. Als die Delegation gerade im Lager war, kam ein Transport von Häftlingen auf den Schienen an. Bevor die Amerikaner kamen, hatten die SS die Insassen eines anderen Lagers in einen Zug verladen, um zu uns zu fliehen. Da aber das IRK da war, ließen sie die Transporte noch draußen. Erst später wurden auch wir abkommandiert, um die lebenden und toten Insassen zu bergen. Diese wurden in ein abgezäumtes Areal gepfercht, weil Typhus ausgebrochen war. Zu dieser Zeit bewegten sich bereits sowjetische Truppen in der Umgebung, wir hörten immer wieder die Panzer. Die leitenden SS-Männer waren bereits gelohen, nur die niedrigen Dienstgrade waren noch da. Den Befehl, das Lager zu vernichten, konnten diese nicht mehr ausführen. Am 9. Mai 1945 wurden wir aus Theresienstadt befreit. Nach Absprache mit dem IRK wurde das Lager von der Roten Armee verpflegt. Wir bekamen weiße Kleidung und sollten uns zur Versorgung melden. Wir versuchten von den Sowjets einen Ausweis zu erhalten, um das Lager verlassen zu können, was uns schließlich am 8. Juni 1945 auch gelang. Der damalige Oberbürgermeister von Chemnitz, Engelke, ließ die Häftlinge aus Chemnitz aus Theresienstadt abholen und wir waren froh, nicht zu Fuß die Heimreise antreten zu müssen.   In Chemnitz angekommen, meldeten wir uns wieder. Ich kam mit meiner Schwester und meinem Bruder zurück. Man dachte, dass wir bei einem Bombardement der SS zur Vernichtung von Theresienstadt umgekommen wären. Wir wurden vom Verein der Verfolgten des Naziregimes aufgenommen und versorgt, bekamen eine rote Binde, die uns als ehemalige KZ-Insassen kenntlich machte, damit konnten wir uns ausweisen und es sollte uns Vorteile bei der Versorgung bringen. Man sagte uns, dass jetzt die Antifaschisten an der Macht sind und dass so etwas, was wir gerade überlebt hätten, nie wieder geschehen darf.
Im Juni 1945 angekommen, nahm ich gleich am Aufbau der Chemnitzer Gemeinde teil, die von 47 der ehemals 3.221 Mitglieder vor dem Krieg wieder neu gegründet wurde.

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