Die Schrecken des Faschismus erlebte ich 1941 - 1944 in der besetzten Ukraine

Foto: Ruwim Backmann

Ruwin Bakmann lebt seit 1995 in Chemnitz. Er und seine Familie reisten aus der Ukraine aus, weil er dort als Jude Diskriminierungen ausgesetzt waren. Er ist aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde Chemnitz, singt im gemischten Chor der Gemeinde und ist Mitglied der VVN-BdA in Chemnitz.

Ich, Ruwin Bakman, wurde 1931 im Städtchen Tultschin, Kreis Winniza geboren. Wir waren eine große Familie. Meine Mutter hatte zehn Kinder. Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Als der Krieg begann, habe ich die vierte Klasse einer ukrainischen Schule beendet. Eine meiner Schwester, Hannah, zog  mit Ihrem Mann nach Taschkent. Kurz vor dem Krieg kam Hannah mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch. Papa wollte  sie mit dem Zug zurück nach Taschkent bringen, aber die Züge hielten nicht mehr  an unserem Bahnhof , und so bereitete sich Papa auf die Evakuierung vor. Er kaufte noch ein Pferd und ein Fuhrwerk und wir beluden es mit dem Hausrat und fuhren in Richtung Dnjepr bis zum Dorf Ternowka. Am Morgen erreichten die deutschen Panzer bereits dieses Dorf, daraufhin sind wir nach Tultschin zurückgekehrt. Kurz darauf sagte man uns, wir sollten uns am Badehaus sammeln. Von dort brachte man uns ins Lager in Petschoka. Wir wohnten im ehemaligen Krankenhaus. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt. Wir hatten keine Nahrung, und die Menschen starben an Hunger und Kälte. Typhus und Durchfall waren besonders schlimm. Bis zum Frühling waren bereits fast alle gestorben. Von der Arbeit, zu der mein Vater gezwungen wurde, brachte er gelegentlich gefrorene weiße Rüben mit. Später brachte man uns in ein Lager, das durch eine Steinmauer umzäunt war. Das Lager befand sich an der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine. An diesem Ort gab es weder Heizmaterial noch Wasser. Das Wasser nahmen wir aus dem Fluss, aber für die sterbenden Menschen war dies eine harte Arbeit. Jeden Morgen lagen auf den Treppen zehn bis zwanzig tote Menschen. Das Sonderkommando für Beerdigungen trug sie zu einer Kutsche, mit der sie zum Friedhof gefahren wurden. Die Tochter meiner Schwester starb auch. 1942 kamen im Lager estnische und lettische SS-Einheiten an. Sie stellten die Alten und Kinder auf eine Seite, die jungen Menschen auf die Andere. Ich war Zeuge, wie die SS ein Kind an den Beinen herum schleifte, und als es mit dem Kopf gegen einen Baum schlug, sofort starb. Meine Schwester wurde in ein Auto gesetzt und zum Bau der Fahrbahn für das Führerhauptquartier „Werwolf“ in Winniza gebracht, seitdem haben wir sie nicht mehr gesehen.
Sie hatte versucht, von dort zu fliehen, wurde dabei aber von der ukrainischen Polizei erschossen. Wir sollten auch erschossen werden, ukrainische Bauern haben die Gräber bereits ausgehoben. Ich habe diese Gräber später gesehen. Bei uns im Lager waren auch Juden aus Moldawien untergebracht. Sie starben bereits sehr früh. Im Lager gab es einen jungen Mann, der verrückt geworden war. Dieser wurde von rumänischen Soldaten erschossen. Zwischen 1943 und 1944 bin ich einige Male geflohen, um etwas zu Essen zu beschaffen. Dreimal bin ich dabei der Polizei in die Hände gefallen. Aber ich hatte Glück, man hat mich nicht erschossen. Einmal im Dorf Wischkowze wurde ich festgenommen. In diesem Dorf gab es einen Polizisten, der eine Jüdin und ihr Kind in ein Kalkloch warf, in dem sie dann starben. Zum Glück war aber gerade kein Polizist da, so wurde ich ins Lager zurückgebracht. Dort er-
hielt ich dreißig Schläge mit einem Eisenstock. Danach konnte ich nicht mehr gehen und mein Vater hat mich gepflegt. 1944 rückte die Rote Armee an, aber die Soldaten der Wehrmacht ließen uns nicht gehen. Mein Vater bat den Bürgermeister Furman, mich mitzunehmen und im Dachgeschoss zu verstecken.  Später quartierten sich deutsche Soldaten in seinem Haus ein. Aus Angst, dass sie mich entdecken, brachte er mich in den Rinderstall. Im März 1944 sah ich durch das Fenster berittene Soldaten der Roten Armee, die nach Deutschen fragten. Diese waren aber schon nicht mehr da. Dann kehrten wir ins Lager zurück, um mit den Leuten, die noch lebten, nach Tultschin zurückzukehren. Von unserer großen Familie haben nur mein Vater und ich überlebt.
Die Not war groß. Ich besuchte dann weiter bis zur 6. Klasse die Schule und arbeitete in einer Schuhfabrik. Nebenbei besuchte ich die Abendschule und lernte bis zur 10.Klasse. Auch die Sprache Deutsch stand auf den Stundenplan.
1950 ging ich zur Roten Armee. Aber als Jude hatte ich auch dort wenige Aufstiegschancen. So meldete ich mich 1953 als Armeeangehöriger nach Sibirien. Dort lernte ich auch                                               meine Frau kennen. 1957 wurde unsere Tochter geboren und 1965 unser Sohn. In Sibirien waren wir harten Bedingungen ausgesetzt. Der Ort befand sich an der „Bucht der Vorsehung“ gegenüber Abjuski – dort sind die Nationalitäten der Tschuktschen zu Hause.  Um einen Kinderwagen zu kaufen, mussten wir 1000 Kilometer fahren.  Meine Frau fuhr 2,5 Stunden mit einem Panzerwagen früh zum Unterricht - sie war Geografie-Lehrerin  
1965 ließ ich mich wieder zurück versetzen und wir wohnten in Kriwoi Rog. Unsere Einheit lag 30 Kilometer vom Ort entfernt.
Nach 30 Jahren Armeedienst kehrte ich in das zivile Leben zurück. Von 1980 bis 1995 war ich als Lehrer tätig.
Durch meine guten deutschen Sprachkenntnisse, gelang es, die Aussiedlung der ganzen Familie in Deutschland zu erreichen. In der Ukraine war es damals  sehr schwer, mit jüdischem Glauben zu leben. So bekamen wir den Aufenthalt in Deutschland. Noch heute bin ich Bürger der Ukraine. Mein Pass wurde bis 2018 verlängert. Mein Sohn und auch meine Tochter leben auch hier und haben Arbeit. Meine Frau ist 2011 verstorben.
In Chemnitz half ich den übergesiedelten Juden zurechtzukommen. Den neu angekommenen Familien erklärte ich, dass Deutschland kein faschistisches Land ist, sondern ein freier, demokratischer Staat. Dazu nutzte ich auch die Gottesdienste. Die Kenntnisse dazu erhielt ich durch Seminare in Berlin.
Hier in Chemnitz half ich einen Chor zu gründen, der jiddische Lieder einstudierte und an vielen Orten verschiedenes Liedgut vortrug. Ich half vielen ehemaligen Ghetto-Bewohnern und Teilnehmern am 2. Weltkrieg. Ein besonderer Freund wurde Ilja Kosola, ein Jude, der als Mitglied der Geländeartillerie der Roten Armee 1945 am Brandenburger Tor stand.