Renate Rüger, geborene Kropf:

An der Zschopauer winkten wir den Amerikanern zu

Im Jahre 1945 war ich 9 Jahre alt und hatte noch meinen Mädchennamen.Unser Haus, Turnstraße 23 in Bernsdorf, wurde am 5. März 1945 durch einen Volltreffer, so nannte man das damals, vollkommen zerstört.Wir, meine Mutti, mein Opa, ich und die anderen Hausbewohner haben das im Keller erlebt. Die Kellertreppe war vollkommen verschüttet, sodass wir durch die Kellerfenster nach draußen klettern mussten. Zwei Hausbewohner, sie saßen am Durchbruch zum anderen Haus und dachten eigentlich immer die besten Plätze zu haben, sind durch die große Druckwelle, die bei der Bombenexplosion entstanden ist, ums Leben gekommen.
Wir, alle Überlebenden, sind dann nachts die Reichenhainer Straße landwärts gelaufen, in unseren Garten in der Anlage „Kirschbaum“. Im Gartenhaus haben wir auf den Morgen gewartet. Dann haben wir uns getrennt, denn die einzelnen Familien mussten nun sehen, wo sie irgendeine Unterkunft finden. Wir sind nach Altchemnitz gelaufen zu Verwandten meines Opas, die uns erst einmal aufgenommen haben. Später haben uns dann Verwandte meiner Mutter in Kappel zu sich aufgenommen. Von Kappel fuhren meine Angehörigen mit dem Pferdefuhrwerk zu dem zerbombten Haus in der Turnstraße – es war sehr stark einsturzgefährdet - sie versuchten, noch verwertbares aus den Trümmern zu holen, denn wir hatten einfach nichts mehr.
In der Turnstraße 23 war auch das Friseurgeschäft meines Opas zerstört und ihm damit die Existenzgrundlage genommen worden. In Kappel blieben wir dann einige Wochen. Der Bombenangriff am 5. März 1945 war der Höhepunkt. Ganze Straßenzüge waren zerstört, die Stadt war ein einziges Trümmerfeld. Aber viele Bombenangriffe waren vorausgegangen. Alles war immer verdunkelt, kein Lichtstrahl durfte aus den Wohnungen nach außen dringen. Die Straßen waren stockdunkel. Während dieser Zeit gingen wir schlafen, ohne die Tageskleidung auszuziehen. Denn wenn die Sirenen  zu heulen begannen, musste alles sehr schnell gehen, die Koffer standen immer bereit, die mit in den Keller genommen wurden. Im Keller herrschte eine bedrückende Atmosphäre, alle hatten angst und hofften, dass nichts passiert.
Mein Vater war zu dieser Zeit vermisst, erst 1948 haben wir über einen Freund von ihm erfahren, dass er nicht mehr lebt.
Nach dem 5. März litten wir weiter durch den Artilleriebeschuss, weswegen wir noch oft im Garten in einem Bunker Schutz suchen mussten. Es war auch die Zeit, wo an den Ruinen viele Zettel angebracht waren, mit Inhalten wie: „Wer kennt …?“, „Wir, die Familie lebt, wir befinden uns...“, und ähnliches.
Ich war 1943 in die Dittesschule auf der Reichenhainer Straße eingeschult worden. Das war eine sehr schöne Schule, die durch die Bombenangriffe völlig ausbrannte.
Von Kappel aus sind wir dann beim Bruder meines Opas, der auf dem Sonnenberg wohnte, eingezogen, dort lebten wir zu viert sehr beengt viele Jahre. Bedingt dadurch besuchte ich dann auch die Lessingschule auf dem Sonnenberg.
Als der Krieg dann endlich zu Ende war, kann ich mich noch an die vielen weißen Betttücher, die wie Fahnen aus den Fenstern hingen, erinnern und daran, dass wir an der Zschopauer Straße standen und den Amerikanern zuwinkten.
Es hat eine lange Zeit gedauert, bis sich das Leben wieder einigermaßen normalisierte. Schwierig war die Ernährungslage. Meine Mutter ging, wie viele Frauen, auf „Hamstertouren“ auf die Dörfer. Dann war sie auch eine Zeit lang bei einem Bauern und hat dort an der Nähmaschine Sachen ausgebessert, um etwas zum Essen mit nach Hause zu bringen. Zum Glück hatten wir einen Garten, in dem in jedem Winkel etwas angebaut wurde, auch Tabak baute mein Opa an. Alles wurde verwertet. Beim Bäcker gab es lange Schlangen, abwechselnd auf einem mitgebrachten Hocker sitzend, warteten wir oft Stunden, um ein Brot zu bekommen. Das wurde dann genau eingeteilt, damit jeder seinen Anteil bekam. Die Kreativität, irgend etwas Essbares auf den Tisch zu bekommen, war enorm. Ich erinnere mich noch an Kuchen oder Torte, die aus Kaffeesatz gebacken wurden und auch an selbst gemachte „Malze“.
Als ich dann wieder regelmäßig zur Schule ging, erlebte ich diese Zeit als sehr schön. Ich fühlte mich zwar oft etwas benachteiligt, weil ich anders als die meisten Kinder, vieles nicht hatte. Der Sonnenberg war von den Bomben einigermaßen verschont geblieben.

Renate Rüger erzählt aus ihrem Leben