Kurzbiorgrafie von Marga Simon

Am 17.Juni 1925 wurde Marga Enge in Chemnitz geboren. Sie war das 2. Kind der Arbeiterfamilie Enge und lebten im Stadtteil Adelsberg. Vater Ernst arbeitete in der Chemnitzer Maschinenfabrik „Carl Hamel“ und war aktiv in der Gewerkschaft und in Funktionen der KPD. Mit der Familie, zu der weitere 3 Schwestern gehörten, verlebte Marga eine schöne und harmonische Kindheit. In der Familie wurde häufig musiziert. Die Arbeitslosigkeit des Vaters in Folge der Weltwirtschaftskrise 1928 ließ die Familie noch enger zusammenrücken.

1931 wurde Marga in der Gablenzer Schule eingeschult.

Ernst Enge arbeitete weiter in der Gewerkschaft und nach der Machtergreifung der Faschisten illegal. 1933 wurde er verhaftet und im Gefängnis Hohe Straße gefangen gehalten. Im Hochverratsprozess zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Das bedeutete für die Mutter mit den 4 Mädchen ein entbehrungsreiches Leben ohne den lieben Vater.

Marga nahm, als der Vater wieder zuhause war, am illegalen Kampf zunehmend bewusst teil und erlebte wie enge Kampfgefährten des Vaters und ihre Familien sich gegenseitig unterstützten und illegal zusammentrafen.

Nach der Schulenlassung begann Marga die Lehre als Schneiderin bei Tante Emma. Diese durfte aber nicht weiter ausbilden, weil sie keine Berechtigung hatte. Es folgte dann ein Pflichtjahr in einem Privathaushalt, das damals jedes Mädchen per Gesetz abzuleisten hatte.

Als Arbeiterin in einer Buchdruckerei verdiente sie 4 Mark in der Woche.

Marga wurde 1944 auch verhaftet und im Gefängnis Hartmannstraße verhört. Die Gestapo wollte wissen, wo sich der Vater befindet. Es war den Gestapo Leuten jedoch nicht gelungen etwas zu erfahren.

Als ihr Verlobter, Henry Simon, sagte, dass er Margot heiraten und mit zu seinem Lustwaffenstützpunkt nach Liegitz mitnehmen wolle, musste man sie wieder frei lassen.

Am 7. Oktober1944 heirateten Marga und Henry Simon in Chemnitz

Ende September 1944 wurde Ernst Enge wieder verhaftet brutal im Gefängnis Hohe Straße misshandelt und ermordet.

Die Mutter, Schwester Ruth und auch Marga zogen im Januar 1945 nach Oberlichtenau zu Tante Emma und brachten dort ihre Kinder zur Welt.

Im Mai 1945 waren sie alle wieder in Chemnitz und mussten, da die alte Wohnung durch die die Bombenangriffe des 5.März 1945 in Mitleidenschaft gezogen wurde, in eine kleine Wohnung mit den Säuglingen ziehen.

Am Ende 1945 kam Henry Simon aus der Gefangenschaft zurück und 1947 wurde der 2. Sohn geboren. Marga war bis 1951 Hausfrau und bei der Beseitigung der Trümmer in Chemnitz dabei.

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Beruflich war Marga Simon in der Stadtverwaltung Chemnitz im Vollzugsamt und ab 1954 im Gesundheitsamt tätig. Durch die Pflege der schwer erkrankten Mutter, die Marga übernahm, war die Berufstätigkeit unterbrochen und erst1958 im Gesundheitswesen im Stadtbezirk Mitte-Nord und später in der Stadt tätig. Sie erlernte noch den Beruf als Industriekaufmann.

1970 bis 1982 war Marga beim Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt und übte verschiedene verantwortungsvolle Tätigkeiten im Gesundheitswesen aus.

Zur Zeit der politischen Wende wirkte Marga Simon und ihr Mann um die Namen der revolutionären Kämpfer für Straßen, Plätze, Schulen, Wohngebiete… zu erhalten, die so viel für die Befreiung der Menschen vom Faschismus und der Beendigung des Krieges geleistet hatten und ihr Leben dafür einsetzten. Vieles wurde aber geändert auch der Name der „Ernst Enge Schule“ in „Grundschule Gablenz“ umbenannt.

Heute wirkt Marga Simon im Verein VVN-BdA Chemnitz aktiv mit und tritt gegen Neofaschismus, Fremdenhass und Kriegsvorbereitung ein.

Zur Wertschätzung gegenüber dem antifaschistischen Widerstand fand

anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung am 26. Januar 2007 ein

Empfang im Rathaus statt. Marga Simon erhielt eine Einladung zu diesem Empfang.

Frau 0berbürgermeisterin Barbara Ludwig würdigte ehrenvoll in ihrer

Gedenkrede die Opfer des Nationalsozialismus. Anschließend erfolgte für die

geladenen Gäste die Eintragung in das „Goldene Buch” der Stadt Chemnitz.

Am 25.09.2013 wurde ein Stolperstein an der Hartmannstraße (Polizeidirektion) für Ernst Enge mit der Inschrift „Flucht in den Tod“ gelegt. Dort war der Totenschein ausgefüllt worden.

Marga Simon erinnert sich am Leben und Kampf ihres Vaters, dem Widerstandskämpfer Ernst Enge

Den Kampf für ein würdiges Leben auf Freiheit und Recht, zahlte August Fritz Ernst Enge, geboren am l. Februar 1893 in Hamburg, mit seinem Leben. In Dittersbach bei Frankenberg wuchs er mit seinen Schwestern Anna, Minna und Martha in einem umsorgten und bürgerlichen Elternhaus auf. In Frankenberg verbrachte er seine Kindheit und Jugend, besuchte die Schule und Berufsschule, die er mit Auszeichnung abschloss. Er war ein begabter Schüler und allseitig interessierter Junge. Er hegte den Wunsch Lehrer zu werden. Für so eine Ausbildung reichte jedoch der Geldbeutel seiner Eltern nicht. Er erlernte den Beruf eines Gärtners. Diese Lehre entsprach nicht seinen Berufsvorstellungen. Deswegen  arbeitete er in einer Spinnerei in Frankenberg. 1912 kam er nach Chemnitz und arbeitete als Meistergehilfe in einer Spinnerei, später als Packer in der Maschinenfabrik «Fa. Hamel” (zu DDR Zeiten ein VEB). Hier wohnte er bei seiner Schwester Anna in der Beierstraße. In dieser Zeit wurde er Mitglied der Gewerkschaft und nahm an den sich zuspitzen den Klassenkämpfen in Chemnitz teil. Er gehörte zu jenen jungen Chemnitzern, die mit Verstand und regem Geist die Auseinandersetzungen ihrer Zeit verfolgten und die es vorerst spontan, später mehr bewusster zur revolutionären Richtung in der Sozialdemokratie hinzog. Er hatte eine gestochene Handschrift und eine leichte und schnelle Auffassungsgabe, deshalb wurde er oft als Schrift- und Protokollführer eingesetzt.
Nach dem am 1. September 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, wurde er am 10. Februar 1915 zum Militärdienst eingezogen. Ernst Enge stand bis 1918 an der Westfront. Gegen Ende des Krieges und durch das Wirken revolutionärer Soldaten erkannte er, dass das Vaterland wofür er kämpfte nicht sein Vaterland war. In ihm wuchs der Hass gegen Imperialismus und Krieg‚ der ihm sein ganzes späteres Leben eigen war.
Im Januar 1919 kehrte er zurück in sein Elternhaus. Durch die schlimmen Erlebnisse im 1.Weltkrieg ist er zum Spartakusbund, 1919 zur unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und 1921 zur Kommunistischen Partei gekommen. Johanna Güther befragte Marga Simon.

Welche Erinnerungen hast du noch an deinen Vater?

Unser Vater war geradlinig in seiner politischen Anschauung und das in jeder Lebenslage. Mit seiner Charakterstärke und Vorbildwirkung hatte er großen Einfluss auf seine Mitmenschen, insbesondere im Umgang mit jungen Arbeitern, die in unserer Familie verkehrten.
Seine  marxistischen Erkenntnisse wertete er auch in diesem Personenkreis aus.
Auch den schönen Dingen des Lebens der Musik und Literatur hatte er sich verschrieben. Prof. Hans Lauter sagte mir vor einiger Zeit‚ dass sie ihn Winnetou nannten. Er war auch ein Anhänger der Literatur von Karl May. Unser Vater war ein leidenschaftlicher Zitherspieler‚ Hausmusik spielte in unserer Familie eine große Rolle. Die Mutter spielte Schifferklavier, ein weiterer Freund Bandoneon und die Jugend fehlte auch nicht. Dabei waren auch zwei junge Gitarristen. Auch politische Gespräche waren stets auf der Tagesordnung. Unser Elternhaus stand für alle offen, auch wenn sie nicht immer die politischen Ansichten meiner Eltern hatten.
Er war mit großer Leidenschaft kommunistischer Kämpfer, dessen Hauptbetätigungsfeld die Gewerkschaftsarbeit war. In dieser Gewerkschaft war er ein aktives Mitglied der Fraktion der KPD im DMV. In dieser Eigenschaft nahm er an Schulungen und Bezirkskonferenzen teil und eignete sich immer bessere Kenntnisse der Strategie und Taktik der Partei an. Prinzipiell und konsequent setzte er sich für die Belange seiner Kollegen ein, so dass er bald auf der schwarzen Liste stand. Immer wieder wurde er gemaßregelt und damit arbeitslos, wo- durch unsere Familie oft bittere Not erlitt.  Er gehörte zu den jungen Gewerkschaftlern, die mit regem Verstand und Geist für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpften.
Im Herbst 1929 wurde er wegen der Wirtschaftskrise bei der FA Hamel entlassen. Dort war er als Packer beschäftigt. Er wurde arbeitslos. Vater ließ sich jedoch weder durch Schikanen bei der Arbeit noch durch die fristlose Entlassung von der Firma Hammel davon abhalten eines der rührigsten Mitglieder der Fraktion der KPD im DMV zu sein. Er nutzte die Zeit der Arbeitslosigkeit und arbeitete vorwiegend in der Gewerkschaft und KPD. Er scheute sich vor keiner politischen Arbeit und erfüllte die ihm übertragenden Aufgaben mit großer Gewissenhaftigkeit. Durch viel Verständnis unserer lieben Mutter und ihre Rücksichtnahme auf seine politische Arbeit unseres Vaters‚ brachte sie selbst große familiäre Opfer. Mein Vater nutzte die Zeit aber auch, um sein allgemeines und marxistisches Wissen zu erweitern. Ungezählte Bücher wusste er zu beschaffen, die er wissensdurstig durchforschte. So erfüllte sich auch für ihn als  Erwachsener wenigstens teilweise jener Wunsch, der ihn als Jugendlicher beseelte. Er wurde kein Lehrer für Kinder, aber mit zunehmendem Wissen mehr und mehr ein Lehrer der Er wachsenen und Genossen.
Im Selbststudium und an der Volkshochschule lernte er die englische und französische Sprache und mit 50 Jahren, 1943, noch die russische Sprache, um wie er sagte, unsere sowjetischen Befreier in ihrer Muttersprache begrüßen zu können. Leider wurde dieser Wunsch durch seinen plötzlichen unnatürlichen Tod nicht erfüllt.
Als 1929 das ZK beschloss, die massenhaft von der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie ausgeschlossenen revolutionären Gewerkschafter in Bezirksverbänden der RGO zusammenzufassen, wurde Vater Ernst Mitglied des Ortskomitees Chemnitz und Hauptkassierer. Er war maßgeblich an der Organisation des Chemnitzer Streiks in der Weltwirtschaftskrise, wie dem Streik der Verkehrsbetriebe 1930 und dem Textilarbeiterstreik 1932 beteiligt.

Nach der Machtübergabe an die Faschisten wurden alle ihre politischen Gegner verfolgt und inhaftiert. Wie erging es Ernst Enge?

Da gehörte er der illegalen Leitung des Ortskomitees der RGO an. Unerschrocken leitete er mit Karl Winter, Max Müller und anderen Genossen die illegale Arbeit. Als Karl Winter im Mai 1933 nach Leipzig berufen wurde, übernahm er gemeinsam mit Max Müller die Leitung in Chemnitz. Die Fortführung seiner illegalen gewerkschaftlichen Arbeit war Anlass seiner Verhaftung im Juni 1933, die mit einer Hausdurchsuchung begann. Man brachte ihn in das Untersuchungsgefängnis Hohe Straße. Mit der Mutter und meiner älteren Schwester Ruth, besuchte ich Vater in der Hohe Straße.  Unser Vater hatte in der U-Haft sieben Monate zubringen müssen und wurde im Herbst 1933 vom Oberlandesgericht Dresden zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust verurteilt. Die Strafe musste er im Zuchthaus Waldheim verbüßen. Beim Prozess war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Onkel Walter und Vetter Kurt wollten dem Prozess beiwohnen, jedoch wurde das von der Gerichtsbarkeit abgelehnt. Er übernahm seine Verteidigung selbst.


Was geschah mit  eurer Familie, wenn der Vater inhaftiert wurde?

Die finanzielle Lage der Familie in dieser Zeit stand nicht zum Besten. Große Unterstützung und Hilfsbereitschaft haben wir durch die Schwestern meines Vaters, seinem großen Freundeskreis und seiner gesamten Verwandtschaft erhalten. Mit uns vier Mädchen stand unsere Mutter vollkommen mittellos da. Das war auch unseres Vaters Sorge. In dieser Situation gab es auch kein Vergessen der Genossen. Durch sie erhielt unsere Mutter finanzielle Hilfe. Genosse Fritz Reichel übergab ihr eine größere Geldsumme und auch von Reinhard Brandt erhielt sie finanzielle Unterstützung. Nach seiner Haftentlassung musste er sich eine Zeitlang täglich auf dem Polizeirevier Sonnenstraße melden. Die Überwachung erfolgte auch durch den Ortsgruppenleiter Mehner (Direktor der Gablenzer Schule, dort war er im Elternrat tätig gewesen).
Im November 1935 aus dem Zuchthaus entlassen, fand er zu dieser Zeit Arbeit bei der FA Ing. Paul Müller, Kantstraße, bei der auch Max Müller und Fritz Hähnel Arbeit gefunden hatten. Unter Beachtung der gebührenden Vorsicht knüpfte er neue Verbindungen. Ende Sep tember 1939 wurde er wieder für einige Wochen in Schutzhaft genommen. So auch schon zu Kriegsbeginn. Am 23. Oktober 1939 wurde unsere Schwester Ursula geboren und am 25. Oktober 1939, zwei Tage nach der Geburt unserer Schwester, wurde der Vater von der Arbeit weg wieder für ca. 6 Wochen inhaftiert. Da die Mutter im Wochenbett lag, musste ich bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) einen Antrag auf eine Besuchserlaubnis stellen, damit ich ihm Bekleidung und etwas Geld bringen konnte, da er von der Arbeitsstelle aus (ich glaube von der FA Seifert und Donner) verhaftet wurde. Unsere Mutter war dazu gesundheitlich nicht in der Lage, da sie jedes Mal, wenn er verhaftet wurde, einen Nervenzusammenbruch erlitt. Auf Anweisung der Gestapo wurde er zur FA. Moll & Co , Uferstraße, dienstverpflichtet.

Die Sowjetunion war damals das Vaterland aller Kommunisten. Was geschah als Hitler ohne Kriegserklärung und trotz Nichtangriffspakt die Sowjetunion überfiel?

Mit dem Überfall des Faschismus auf die Sowjetunion 1941 verstärkte sich der Widerstands kampf sowohl in der Tiefe als auch in der Breite. Ernst Enge wurde neben Rudolf Harlaß zum Mitin itiator einer der beiden Parteigruppen der KPD‚ die in Chemnitz zu Zentren des Widerstan des wurden. Er organisierte Schulungen und Diskussionen zu Fragen der Strategie und Taktik. 1943 gelang es der Gruppe Verbindungen zu Berliner Gruppen herzustellen (vor allem zur Anton Saefkow - Gruppe).
Die Arbeit erfolgte nach dem Motto: Jeder darf nur so viel vom anderen erfahren und kennen, wie er zur Erledigung seiner Aufgaben unbedingt wissen muss. Das galt auch für die Familie. In der Firma Moll kam er mit Hilde und Lotte Otto in Verbindung, mit denen er gemeinsam Informationen des Moskauer und Londoner Rundfunks in Flugblättern für die russischen Zwangsarbeiter verarbeitete und an sowjetische Verbindungsleute übermittelte. Gleich zeitig stellte er Kontakt zum sowjetischen Widerstandskomitee in Chemnitz her und unter stützte die sowjetischen Genossen in ihrer gefährlichen Arbeit.
Unter anderen hatte er im Zeisigwald Waffen verborgen, die er ihnen aushändigen wollte und an denen er Genossen seiner Gruppe ausbildete. Wie es seine Art war, machte er auch mit auf die Gefahren aufmerksam. Wer Angst hat‚ kann es bleiben lassen, solange noch Zeit ist. Wir werden ihnen deshalb nicht böse sein. So sagte er es zu Charlotte und Hilde Otto. Die beiden jungen Frauen arbeiteten mit bei der Fa. Moll & C0 und unterstützten den Widerstandskämpfer Ernst Enge, beschafften über das Betriebskontingent ihrer Firma einen Vervielfältigungsapparat und liehen eine Schreibmaschine‚ die Onkel Gustav über den blinden Genossen Burkhard erhielt. Es wurden Flugblätter verfasst. Vater schrieb den deutschen Text, den der sowjetische Genosse Alexander Mawrowskí (Zwangsarbeiter im Betrieb Moll) übersetzte. Trotz Kontrollen konnten die Flugblätter in den sowjetischen Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern verteilt werden und bis nach Leipzig und Plauen gelangen. Zu den franzosischen Gefangenenlagern in Chemnitz hatte er auch guten Kontakt, versorgte die Gefangenen mit Kleidung und Ausweisen, damit sie flüchten konnten. Öfters traf er sich mit den franzosischen Zwangsarbeitern in der Gaststätte Kellerhaus am Schlossberg. Ab und zu deutete er diese Treffen unserer Mutter an, wenn er sonntags aus dem Haus ging.

In dieser Zeit kam es in Sachsen bekanntlich zu vielen Verhaftungen der Widerstandskämpfer. Wie ist es deinem Vater ergangen?

Vielseitig war die illegale Arbeit, die er in den Jahren 1941 bis 1944 leistete. Seine Uner schrockenheit war gepaart mit Vorsicht, Klugheit und selbstloser Hingabe im Widerstand. Bei aller Vorsicht war er sich der Lage bewusst in der er schwebte. Er wollte im Falle seiner Verhaftung sein Leben so teuer wie möglich verkaufen und trug deshalb in letzter Zeit stets eine Waffe bei sich ( Lt. Gen. Max Müller ). Als die Gestapo 1944 einige Fäden der Widerstandsgruppe aufspürte und erste Verhaftungen vorgenommen wurden, konnte er zunächst noch fliehen. Anfang September 1944 wurde durch Zufall bei einem Zwangsarbeiter im La ger der Firma Moll ein Flugblatt der Gruppe gefunden, Die Gestapo holte zu einem großen Schlag aus (Auszug aus dem Aufzeichnungen von Hilde und Charlotte Otto die in seiner Gruppe tätig waren). Siebzig Gefährten aus dem Widerstand aus Chemnitz und Umgebung
wurden verhaftet.
Wochenlang wurden unser Haus und unser Vater überwacht. Sie folgten ihm auf Schritt und Tritt. Das hatte zur Folge, dass Emil Pfefferkorn, Karl Semmler und auch Kurt Schubert vor ihm verhaftet wurden. Schubert, Kurt war die Kontaktperson im Betrieb der Firma Dornhöfer.
Ab dem 16. September 1944 beobachtete die Gestapo mit großem Aufgebot tagelang das Haus Adelsbergstraße 45, in dem wir wohnten. Als ich an einem Sonnabend im Oktober diese Beobachtung merkte, teilte ich es gleich meiner Mutter mit. Sie schickte mich darauf hin aus dem Haus um genaueres festzustellen. Auf der Straße hörte ich die Unterhaltung zweier Gestapoleute (Munkelt und Obst), von denen einer sagte: ” Es ist halb zehn er muss bald kommen ”. Der Vater war an diesem Tag im Wald, um sein kleines geheimes Waffenlager zu kontrollieren. Als unser Vater in die Wohnung kam, war er wegen der Information über die Beobachtung des Hauses kreidebleich geworden und sagte, dass er nun fort müsse. Mich schickte er zu seinen Freund, Kurt Schubert, wo ich feststellen sollte, ob er zu Hause war oder bereits verhaftet ist. Während ich auf dem Weg zur Münchner Straße war, verfolgten mich wieder Gestapo Kommissare, die ich jedoch abschütteln konnte. Von der Nachbarin erfuhr ich, dass Schuberts alle beide schon verhaftet worden seien. Wieder zu Hause angekommen, teilte ich die schlimme Nachricht gleich meinem Vater mit. er berat schlagte mit Mutter, wie er aus dem Haus kommen könnte. Meine Eltern, Ruth, Thea, Ursula und ich gingen gemeinsam los, um in die Wohnung von meiner Schwester Ruth in der Gablenzer Straße zu gelangen. Die Gestapo-Leute ließen uns laufen. Der Aufruhr der Festnahme der ganzen Familie wäre wohl in der Öffentlichkeit zu riskant gewesen.
Über dem Grundstück der Gaststätte ” Zum Hirsch ” in Geblenz begann die Flucht meines Vaters. Die Zeit war gekommen um von uns Abschied zu nehmen. Vater musste in die Illegalität gehen. Wir hatten vorher noch ausgemacht, dass ich mich aller zwei Tage mit Vater abends halb acht an der Haubenstraße treffe. Er beauftrage mich u.a. ihn in der Firma krank zu melden und beim Sozialamt Fürsorge für die Familie zu beantragen. Vater war bei Onkel Max in einem Anwe sen in Dittersbach untergetaucht und nächtigte dort in der Scheune. Die Gestapo versuchte mit allen Mitteln meinem Vater habhaft zu werden. Sie versuchten es mit einem Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Mein Vater schickte mich erst zur Post, um die Wehrmachtspapiere abzuholen. Dort sagte ich, dass mein Vater die Familie verlassen habe und ich nicht wisse, wo er sich befindet. Dann kam der richtige Einberufungsbefehl. Dort sagte ich wieder, dass ich nicht wisse wo mein Vater ist, ob er noch lebt und dass wir uns Sorgen machten. Bei der Polizei hatte ich meinen Vater bereits als  “Vermisst” gemeldet. Am gleichen Tag wollte ich noch zum Sozialamt auf der Alexanderstraße und bemerkte unterwegs, dass mich wieder Obst und Munkelt verfolgten. Auf dem Sozialamt wurde ich dann von den beiden verhaftet und zur Gestapo-Zentrale auf dem Kaßberg  gebracht. Es erfolgten Verhöre und Kreuzverhöre, letztlich die Einweisung in das Gestapo-Gefängnis Hartmannstraße. Auf Drängen meines Verlobten Henry, der mit seiner Mutter täglich bei der Gestapo vorstellig wurde und sagte, dass er mich heiraten wolle, weil Nachwuchs unterwegs ist, wurde ich dann nach wenigen Tagen wieder frei gelassen.

Wie hat die Gestapo Ernst Enge doch noch habhaft werden können?

Nun war das traurige Geschehen, seine Verhaftung. Ende September 1944 hielt sich Vater im Zigarettenkiosk bei Onkel Gustav in Hilbersdorf auf und wurde dort von der Gestapo überrascht. Er war in Sorge um unsere Mutter und uns Kinder, deshalb suchte er Onkel Gustav auf, um sich nach uns zu erkundigen. Ich war ja unterdessen inhaftiert und konnte unseren Treffs nicht mehr folgen. Außerdem erhielt er von ihm seine Zigaretten. Dort traf er auf die Gestapo, denn die ganze Familie wurde überwacht. Es gab unglückliche Umstände . Als er rückwärts gehend zum Widerstand überging, die Pistole auf die Gestaposchergen gerichtet, kam er zu Fall und wurde von ihnen überwältigt. Laut meines vorliegenden Protokolls der Gestapo wurde er mit einem PKW zum Kaßberg gebracht. Im Keller wurde er so misshandelt, dass er völlig entkräftet und nicht fähig war, Nahrung aufzunehmen. Außerdem trug er auch in der Zelle Fesseln, wie im Protokoll steht, um eine Flucht auszuschließen.
In den Karl-Marx-Städter Skizzen, Band 3 von 1969, schreiben die Schwestern Hilde und Charlotte Otto von ihren Haftzeiten folgendes: ”Im Polizeigefängnis wurden wir von Verhör zu Verhör geschleppt. Doch der härteste Schlag traf uns, als man uns Ernst Enge gegenüber stellte. Die Faschisten hatten ihn so zugerichtet, dass wir ihn kaum wiedererkannten. Wir durften nicht schreien, wir mussten schweigen und standhaft sein.”
Dass er verschärft vernommen wurde, bestätigt auch das Protokoll vom September 1944, unterschrieben von Gestapokommissar Obst. Das Protokoll erhielt ich am 03.06.2000 von Eberhard Hübsch vom Geschichtsverein Chemnitz.  Am 17. Oktober 1944 wurde meiner Mutter die traurige und schicksalhafte Nachricht vom Tod unseres Vaters durch einen Gestapokommissar persönlich überbracht. Sie fragte, ob er eines natürlichen Todes gestorben sei. Er fragte, wieso?
Mich erreichte die Nachricht in Liegnitz durch einen Zivilisten (Gestapo in Zivil) Die tragi schen Umstände seines Todes wurden in dem mir vorliegendem Protokoll vom Oktober 1944 von Gestapokommissar Obst festgehalten.

Hast du einmal nachgeforscht was aus den Mördern deines Vaters geworden ist?

Sein Mörder Munkelt floh nach dem Krieg nach Westdeutschland. Er war in Hamburg unter getaucht. Obst wurde vom sowjetischen Militärgericht verurteilt und floh anschließend  nach Westdeutschland. Laut Ermittlungen von Eberhard Hübsch zu seinen Beitrag im Buch vom Stadtarchiv NS- Zeit 1933- 1945 gibt er an: ”Am 10. Mai 2001 teilte die Staatsanwaltschaft Hannover in einem Schreiben mit, dass sämtliche von Adolf Diamant namentlich genannten ehemaligen Angehörigen der Gestapo Chemnitz inzwischen verstorben sind.” So auch Willy Paul Munkelt am 12. Dezember 1996.
So wurde in Westdeutschland mit NS- Verbrechen umgegangen und die Verurteilungen verschleppt.
Das Leben und der Kampf meines Vaters haben mich geprägt. Ein Mensch voller Lebens- freude an Musik, Literatur und seine Liebe zu den Menschen, vor allem zu seiner Familie, fand ein tragisches Ende. Mit uns trauerten aufrichtig seine Freunde und Genossen, vor allem seine Schwester Anna‚ Minna und Martha mit ihren Familien. Für unsere war es Mutter ein harter Schicksalsschlag. Unsere Eltern lebten in Liebe, Achtung und gegenseitigem Verständnis. Er hinterließ seine geliebte Gertrud und uns Ruth, Marga, Gudrun, Thea, Ursula und Ernstine.
Unsere liebe Mutter, die reich war an Lebensfreude‚ Schaffenskraft aber auch Durchsetzungsvermögen,  gab unserem Vater die Kraft und das Gefühl, sich selbstlos auf die Organisation des Widerstandes zu konzentrieren. In diesem kampferfüllten Leben war sie im Hintergrund eine stille Mitstreiterin. Sie war eine mutige Frau in bestimmten Lebenssituationen. Aber auch ein starker Mensch unterliegt unüberwindbaren Geschehnissen. Sie war zeitweise stark traumatisiert. Das zeigte sich bei den vielen Verhaftungen und vor allem während der Zeit seines Aufenthaltes im Zuchthaus Waldheim.



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