Bilder, die man nie vergisst

Lisbeth Scheinert über Kindheit und Krieg während der Zeit des Faschismu

Erinnerungen an die Zeit als ich jung war, als ich Kind war, sind Erinnerungen, die mehr als 70 Jahre zurückliegen. Aber der Himmel war damals genau so blau wie heute, es gab schöne Sommer und kalte Winter. Geboren wurde ich 1929, es soll ein heißer Sommertag gewesen sein. Es war die Zeit kurz nach der Weltwirtschaftskrise, die große Inflation war gerade überstanden, und es gab viele, viele Arbeitslose. Trotzdem wurde ich in meiner Familie mit Freude aufgenommen. Den Namen Lisbeth gab mir meine Großmutter, er sagte mir eigentlich erst im Alter richtig zu. Ich wuchs heran, ging oft mit meinem geliebten Papa und meinem Großvater im Wald spazieren, lernte dabei viele Pflanzen und Pilze kennen. Es war eine schöne Zeit für mich, die auch meine Liebe zur Natur für immer prägte. Aber plötzlich war alles anders.
Erst viel später, als ich Zusammenhänge besser begreifen konnte, wurde mir klar, warum mein Papa plötzlich nicht mehr da war. Er wurde 1933 verhaftet, wegen „Kulturschande“ verurteilt, warum weshalb, bleibt wohl für ewig ungeklärt. Im berüchtigten Hansa-Haus in Chemnitz wurde er gefoltert, kam in Schutzhaft und danach in das KZ Sachsenburg bei Frankenberg. Ich kann mich erinnern, dass wir ihn dort besucht haben. Aber es war für mich schwer zu verstehen, warum mein Papa nicht bei uns zu Hause sein durfte. Eines Tages war er dann plötzlich wieder da, ich war fünf Jahre alt und unsäglich froh. Mein älterer Bruder Erich hatte inzwischen die Schule beendet und eine Lehre als Ofensetzer angetreten. Für mich war die Welt wieder in Ordnung. 1936 wurde mein Bruder zum Arbeitsdienst einberufen. Im Winter vorher hatte er mir noch Schneeschuhe besorgt und mir das Skifahren beigebracht Im gleichen Jahr wurde ich mit fast sieben Jahren in die Grundschule Erfenschlag eingeschult, die ich acht Jahre besuchte. Die ersten vier Schuljahre verliefen sehr gut. Durch gute und verständnisvolle Lehrer verspürte ich keine Nachteile bezüglich der politischen Haltung meines Vaters. In der Schule war meine Meinung eine andere als zu Hause. Ich war älter geworden, hörte Urteile meines Vaters zu dem was um uns herum geschah und spitzte auch die Ohren, wenn er sich mit Freunden unterhielt. Ich war eher eine ruhige Schülerin, schrieb gerne Aufsätze, Rechnen und Erdkunde liebte ich. Dann aber begann das 5. Schuljahr und damit häuften sich die Probleme – andere Lehrer unterrichteten, die mich spüren ließen, dass mein Vater ein Gegner ihrer politischen Ansichten war. Mir wurde bewusst gemacht, dass mein Vater im Gefängnis war, meine Zeugnisse wurden schlechter, ich wurde ungerecht beurteilt. Aber meinem Freund Ralf und auch anderen Mitschülern ging es ebenso, dadurch nahm ich vieles gelassen hin. Ausgleich waren die Spiele mit anderen Kindern im nahen Wald, und wenn die Zwönitz zugefroren war, wurde Schlittschuhe gelaufen. Mein Vater suchte für mich einen Privatlehrer – auch weil ihm der Lehrstoff der Schule zu einseitig geprägt war. Ich lernte zusätzlich bei einem Lehrer, der 1933 aus politischen Gründen aus dem Schuldienst entlassen worden war. Im Jahr 1941 wurde mein Vater zur Wehrmacht eingezogen, ein zweites Mal musste ich mich von ihm verabschieden. Seine erste Station war Freiberg, ganz in unserer Nähe, sodass ich ihn mit meiner Mutter besuchen konnte. Danach landete er im Harz und wurde zur Bewachung von französischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Ich weilte in den Schulferien dort, lernte durch Kontakte mit den Gefangenen sogar etwas französisch. Mein Vater ging gut mit den Gefangenen um, wahrscheinlich ist er auch deswegen nach Dankerode zur Bewachung polnischer Kriegsgefangener versetzt worden. Auch er gehörte dort, was ich erst viel später erfahren habe, einer Widerstandsgruppe um Hettstedt an. Abermals wurde er versetzt. Diesmal nach Stangerode, wo jugoslawische Kriegsgefangene tagsüber bei Bauern arbeiteten und danach im Lager bewacht werden mussten.
Bei einem dieser Bauern verbrachte ich die Schulferien und freundete mich mit der einige Jahre älteren Tochter an. Ein Kriegsgefangener wurde mit einbezogen, und wir verlebten schöne angenehme Tage. Ein Hund bewachte das kleine Gut, und wir hatten einen Wächter, der sofort Alarm schlug, wenn jemand den Hof betreten wollte. Hier lernte ich auch die Arbeit auf dem Feld und im Stall kennen, musste oft die Schweine füttern, die getrennt gehalten wurden, nicht zum Abgabesoll des Bauern gehörten, wovon bei Kontrollen natürlich niemand etwas wissen durfte. Was für mich sehr wichtig und angenehm war, es gab genügend zu essen, Wurst, Butter, Eier, denn zu Hause war das ganz anders. Es gab Lebensmittelmarken und je länger der Krieg dauerte, umso schwieriger wurde die Versorgungslage. Auf Sonderzuteilungen mussten wir verzichten, alles wegen der politischen Haltung meines Vaters. Der Bauer konnte sogar Tauschgeschäfte tätigen, Butter gegen Bekleidung, besonders Strümpfe waren sehr begehrt. Fast auf jedem Hof wurde heimlich gebuttert. Die Zeit dort auf dem Bauernhof, weg von allen Unannehmlichkeiten zu Hause, wird mir immer in guter Erinnerung bleiben.
Die Widerstandsgruppe aus Hettstedt geriet in das Visier der Faschisten, Verhaftungen erfolgten, aber meinem Vater konnte man, auch Dank des Bürgermeisters von Hettstedt, der auch schon vor 1933 im Amt war, nichts nachweisen.
Aber er wurde nach Frankreich versetzt. Im Mai 1943 erhielten wir die traurige Nachricht, dass mein Bruder, auf den ich immer so stolz war, nicht mehr lebt. Er hatte inzwischen geheiratet und seine Frau erwartete im August ihr erstes Kind. Vater war zu dieser Zeit in Nordfrankreich, er erhielt Heimaturlaub. Als er die schlimme Nachricht von Erich hörte, sah ich erstmals Tränen in seinen Augen. Ich besuchte inzwischen das letzte Schuljahr und machte mir Gedanken um meinen zukünftigen Beruf. Ich wäre gerne Erzieherin oder Lehrerin geworden, denn mit Kindern konnte ich gut umgehen. Meine Lehrer machten mir immer wieder bewusst, dass ich mit meinen Zensuren überhaupt keinen Beruf erlernen könnte. Das wurde aber so gesteuert.

Der Krieg kehrt nach Deutschland zurück

In dieser Zeit wurde der Krieg immer härter und das Leben für die Menschen immer schwerer. Nach der Schulentlassung im Jahre 1944 war der Traum von einem Beruf erst einmal aus, denn ich musste ins Pflichtjahr. Aus gesundheitlichen Gründen kam ich nicht auf einen Bauernhof, denn dort war die Arbeit oft sehr schwer und die Pflichtjahr-Mädchen wurden ausgenutzt. Ich kam zum Dienst in den Haushalt eines Friseurgeschäftes. Dort fanden sehr oft nächtliche Gelage statt,sodass ich nochmals wechseln konnte und in den Haushalt eines alten Ehepaares aus Reichenhain kam. Sie hatten ihre Tochter mit Kindern aus Berlin bei sich aufgenommen. Zusätzlich besuchte ich anstelle der Berufsschule die Frauenfachschule. Hier kannte keiner meine Vergangenheit und meine Zensuren verbesserten sich.
Der Krieg kam immer mehr nach Deutschland zurück. Die Luftangriffe wurden häufiger. Ich blieb zu Hause bei meiner Mutter. Wenn wir den ersten Ton der Sirene hörten, liefen wir schon los. Wir hatten einen Kilometer zu laufen bis zu einem Felsenkeller zwischen Erfenschlag und Einsiedel. Der Felsenkeller soll früher einmal als Bierkeller gedient haben. Anfangs packten wir noch unsere Habseligkeiten auf einen Handwagen, später wurden nur noch die wichtigsten Papiere mitgenommen, weil alles sehr schnell gehen musste. In diesem Keller war es oft beängstigend, aber darin überlebten viele hundert Menschen aus Erfenschlag und Einsiedel die Bombenangriffe.
Es kam der schwere Bombenangriff am 14. Februar 1945, es wurde viel zerstört aber es gab auch einen Lichtblick. Wir erhielten nach acht Wochen der Ungewissheit Post von meinem Vater, eine Karte aus Rom. Das gab meiner Mutter und mir viel Auftrieb. Dann folgte der große Bombenangriff am 5. März 1945. Auch da waren wir in diesem Felsenkeller. Bei Tageslicht dann, als wir aus dem Keller kamen, sahen wir das ganze Ausmaß der Verwüstung. Wir mussten die Straße etwas zurück laufen, um wieder zu unserer Wohnung zu gelangen. Überall auf der Straße lagen Leichenteile von Menschen, die man einmal gekannt hat. Sie hatten Unterschlupf gesucht in einem Kartoffelkeller neben der Bahnlinie durch Erfenschlag, der voll von einer Sprengbombe getroffen wurde. 13 Menschen kamen ums Leben. Das waren Anblicke, die man nicht mehr vergessen kann. Überall brannten noch die Häuser. Kriegsgefangene, es waren wohl Engländer, mussten die Straße einigermaßen freiräumen. Kurz nach diesem Angriff kamen noch die Tiefflieger und schossen auf alles, was sich bewegte. Tiefflieger waren furchtbar, wenn man sie hörte, gab es nur eines, sich zu verkriechen und das war oft der Straßengraben, wo man Deckung fand. Unser Haus, in dem wir wohnten, war von einer Luftmine getroffen worden, es stand nur noch eine Ruine. Wären wir im Keller des Hauses gewesen, hätten wir nicht überlebt.
Aber das alles war noch nicht genug. Es gab noch tagelang Artilleriebeschuss, die Geschosse fegten mit einem schaurig heulenden Ton über die Ruinen unseres kleinen Ortes hinweg, weil sich irgendwo Faschisten nicht ergeben wollten. Es war einfach furchtbar. In dieser Zeit erhielten wir nochmals ein Lebenszeichen von meinem Vater, diesmal aus Neapel, und er teilte uns mit, dass er auf dem Weg nach Amerika ist.
Am 8. Mai 1945 war der Krieg dann endlich zu Ende. Obwohl wir ausgebombt waren, in einer Ruine lebten und abends mehrere Familien ihr Bett in einer Bretterhütte hatten, stieg wieder Hoffnung in uns auf. So verlebten wir den Winter so schlecht und recht, es kam der Frühling des Jahres 1946 und es war zu spüren, dass es vorwärts ging. Ich war 17 Jahre alt, nun galt es, an die Zukunft zu denken.