Kurz vor dem Krieg geboren

Liane Weidauer erlebte den Faschismus als Schulkind

Frau Weidauer ist 1934 auf dem Sonnenberg geboren. Der Vater war Monteur und die Mutter Hausfrau. Die Kindheitserinnerungen über die Schrecken der Hitlerdiktatur sind in ihr fest verankert und lassen sie nicht mehr los.

Im November 1938 ging sie an der Hand der Mutter zur brennenden Synagoge. Sie kann sich heute noch – damals noch keine 5 Jahre alt – an die Flammen und den Qualm erinnern.
1940 kam sie in die Pestalozzi-Schule in der Gießerstraße. Der Direktor in brauner SA-Uniform begrüßte die Schüler mit dem Hitler-Gruß. Wer nicht richtig grüßte und dem Lehrer folgte, bekam eine hinter die Löffel.
Sie erinnerte sich noch daran, wie die Mutter einmal Ostarbeitern heimlich Brot zuschob und auch an ein Mädchen, das einen Judenstern trug. Aus Mitleid gegenüber den Kindern, die bei den Ostarbeitern wohnten; hat Frau Weidauer als 9jährige Spielzeug in das Grundstück, wo diese wohnten geschmuggelt. Sie sah wie ein Kind einmal damit spielte.
Vergessen hat Frau Weidauer über die Jahre nicht, und sie kann sich noch erinnern, wie Menschen in der Hitlerdiktatur hungern müssten. Einmal bekam die Familie Kohlen geliefert, und ein in der Firma tätiger Fremdarbeiter brachte die Kohlen in den Keller. Dort waren auch die Einkellerungskartoffeln der Familie aufbewahrt. Der Mann sah die Kartoffeln, nahm sich eine schmutzige Kartoffel und biss vor Hunger hinein. Die Mutter hat diesem „Ostarbeiter“ alle Taschen mit Kartoffeln gefüllt, die dieser freudig annahm. Sie denkt heute immer noch an diese Begebenheit, wenn Lebensmittel vernichtet werden oder man sorglos damit umgeht. Einmal sah Frau Weidauer, dass Frau Pechel, sie wohnte im 4. Stock in der Fürstenstraße, einem Fremdarbeiter-Jungen (diese mussten mit kahl geschorenem Kopf umher laufen) eine Schnitte schmierte ihm und Essereien für die Familie zuschob. Damit das kein Spitzel mitbekam, wurde am Hauseingang darüber gewacht, dass niemand den Jungen bemerkte. Wer sich menschlich gegenüber „Ostarbeitern“ oder Kriegsgefangenen verhielt und dabei von einem Spitzel angezeigt wurde, konnte mit Verschleppung in ein KZ bestraft werden.
Erinnerungen werden bei Frau Weidauer immer wieder wach, wenn sie mit kriegerischen Handlungen  konfrontiert wird. Die Bombennacht zum 5. März in Chemnitz kommt ihr immer wieder in den Sinn. Im Luftschutzkeller in der Zietenstraße hat sie die Einschläge in den Nebengebäuden miterlebt. Eine Luftmine hat den Essenschieber des Nachbarhauses ausgehebelt und der Ruß flog nur so herum. Als nach der Entwarnung die Wohnungen wieder betreten werden konnten, waren glücklicherweise nur alle Fensterscheiben kaputt. Im Haus war eine Stabbrandbombe durchgeschlagen. Bevor sie zündete hat man diese entfernt.
Ihr Vater leistete Hilfe in der Alexanderstraße. Er hat Tote, die durch Luftminen starben, aus dem Keller geholt.

Diese Kindheitserlebnisse haben Frau Weidauer geprägt. Sie tritt ein für eine friedliche Welt ohne Waffen. Gleichgesinnte findet sie in der Gemeinde der Zeugen Jehovas.

...