Kurzbiografie

1. Geboren am 14. Dezember 1909 in Chemnitz

2. Mutter Wäscherin und Reinigungskraft in privaten Haushalten

Vater Straßenbahnfahrer in Chemnitz

3. Besuch der Volksschule von 1015 bis 1923

Absolvierung der Hauswirtschaftsschule von 1923 bis 1926

erlernter Beruf Hauswirtschaftlerin

im erlernten Beruf in privaten Haushalten bis 1934 gearbeitet

4. den Maurer Hans Fischer zu Pfingsten 1934 geheiratet

Kinder :

Tochter Eva am 08. September 1934 in Chemnitz geboren

Tochter Christine am 15. März 1939 in Chemnitz geboren

5. von 1950 bis 1960 arbeitete Johanna als Straßenbahnschaffnerin

danach Hausfrau bis zur Rente

6. aktiv arbeitete Johanna Fischer in gesellschaftlichen Organisationen

wie DFD, Volkssolidarität und im Gartenverein

nach 1990 beteiligte Sie sich aktiv im VVN-BdA Stadtverband Chemnitz

7. verstorben am 07.12.2011 kurz vor Ihren 102. Geburtstag 

Mit Butterbrot und Pfefferminze

Christine Flemming, ihre Tochter erinnert sich:

Eine kleine glückliche Familie mit einem Kind wohnt in einem Zimmer noch bei der Mutter, denn es gab große Wohnungsnot. Am 06.04.1935 wurde der Ehemann wegen Besitz illegaler Druckschriften festgenommen und in Dresden zu über 2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Es handelte sich um ein Flugblatt mit sogenannten „Verräterischen Inhalt und Staatsfeindlicher Ziele“. Er kam nach Dresden, Berlin und nach Zwickau. Das Schloss Osterstein war damals ein Zuchthaus. Alle acht Wochen konnte ein Brief geschrieben werden, der wurde zensiert. Kein Geld und keine Briefmarken durfte er an den Gefangenen enthalten. Auf Antrag konnte alle 13 Wochen ein Besuch mit  20 Minuten Sprecherlaubnis angemeldet werden.  Der erste Besuchstermin im Zwickauer Gefängnis ist meiner Mutter in guter Erinnerung geblieben und sie erzählte uns oft davon. Wie kommt man ohne Geld von Chemnitz nach Zwickau? Freunde boten ihr für diese Fahrt ein Fahrrad an. Als Kind war sie schon einmal im Hof Fahrrad gefahren. Aus einem alten Schulatlas hatte man ihr die Orte herausgeschrieben, die sie durchfahren muss. Denn niemand hatte eine gültige Landkarte. Es war Herbst. Sie machte sich schon zeitig mit einem geborgten Rucksack, in dem Butterbrote und Pfefferminztee, selbst geerntet aus Mutters Garten, abgefüllt in eine alte Glasflasche mit Verschluss, untergebracht war. Von der Altenburger Strasse ging es in Richtung Zwickau immer gerade aus, Oberlungwitz nahm kein Ende - immer wieder eine Kurve und dann immerzu bergauf.  An jeder Kirchturmuhr schaute sie nach der Zeit, denn es war noch eine lange Fahrt. Bis 12 Uhr musste sie es schaffen. Am Stadtrand von Zwickau erreichte sie aber völlig entkräftet ihr Ziel. Jetzt musste sie erst einmal eine Pause machen und etwas essen und trinken Die Besuchzeit verging wie im Fluge. Nur die notwendigsten persönlichen Informationen konnte man unter strenger Aufsicht austauschen. Nach der Besuchszeit füllte sie ihre Flasche an der alten gusseisernen Gosse, die sich im Flur des Gefängnisses befand, mit Wasser auf und machte sich auf den Heimweg. Die gleiche Straße ging es zurück.  Die Berge waren jetzt noch viel steiler und noch viel länger. Wie oft sie abgestiegen ist, das weiß sie nicht mehr sie hat das Rad oft geschoben. Es wurde immer langsamer und dunkel wurde es auch schon. Ich muss nach Hause, die Mutter, die Freunde und das Kind, alle warten, wann sie endlich kommt.  Sie konnte nicht mehr sitzen und auch das Laufen viel schwer. Dazu war ja  noch das Fahrrad zu schieben, es wurde immer schwieriger. Nur der Gedanke: ich muss, ich muss, gab ihr die Kraft, und sie war gegen Mitternacht zuhause. Johanna Fischer hat auch später nie ein Fahrrad besessen.              

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