Inge Müller: Eigentlich hatte ich in meinem Leben immer Glück

Ich bin Inge Müller, 1929 geboren, ich war von Beruf Lehrerin

Das Glück begann schon mit meiner Geburt. Meine Eltern, jung verheiratet, bekamen in diesem Jahr eine neue Wohnung in der eben erst erbauten genossenschaftlichen Geibelsiedlung, Am Hochrain. Die Wohnungen waren hell, modern gebaut, es war eine Siedlung für Arbeiter. Dieser Siedlungsbau ist durch die Unterstützung von den SPD-Stadträten entstanden.

In unsere Wohnung zog meine Großmutter mit ein, sie bewohnte das Wohnzimmer, sodass sich unser Familienleben in der Wohnküche abspielte. Meine Großmutter versorgte mich, weil meine Eltern beide arbeiteten.

Mein Vater war ein sehr angesehener Arbeiter bei der Firma Reinecker in Chemnitz auf der Humboldhöhe. Er hat sich „hochgearbeitet“ und war so eine Art Abteilungsleiter in der Produktion. Ich weiß, dass meine Eltern SPD – Mitglieder waren, denn ich erinnere mich, dass ich Einladungen für Versammlungen in der Siedlung ausgetragen habe und meine Eltern diese Versammlungen auch abends besuchten. Viel darüber gesprochen wurde nicht, wahrscheinlich auch zu unser aller Schutz als die Faschisten ihre Macht immer weiter ausbauten. Ich wollte immer Geschwister haben, aber mein Vater gab zu verstehen, dass er für die Nazis keine Kinder mehr in die Welt setze. In der Geibelsiedlung, in meiner unmittelbaren Umgebung, gab es sehr viele Kinder, jeden Tag wurde zusammen gespielt, wir waren eine verschworene Gemeinschaft.

Da sich auch viele Eltern der Kinder schon von der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) kannten, wurden auch Kinderfeste veranstaltet. Wir hielten einfach zusammen. Mein Vater hat alles mögliche für mich getan. Schon als ich gerade 4 Jahre alt war, sind wir zusammen Schlittschuhe gelaufen. Dazu sind wir von Gablenz zu Fuß erst einmal über die Südkampfbahn nach Altchemnitz gelaufen, um zu der Sportanlage zu kommen und dann natürlich zu Fuß auch wieder zurück nach Hause. Ich bekam auch Schneeschuhe, die mein Vater selbst gebaut hat.

Ich wurde in der Diesterwegschule eingeschult, sie war erst 1935 eröffnet worden, also eine ganz neue helle, großzügig gebaute Schule. Der Direktor war ein strammer Nazi, ich habe ihn nur in Uniform in Erinnerung. Jeden Morgen wurde auf dem Innenhof ein Appell durchgeführt, alle Schüler mussten antreten, ein Spruch wurde aufgesagt, ich glaube, es wurde auch immer ein Lied gesungen, dann begann erst der Unterricht. Leider wurde die Diesterwegschule ziemlich zum Anfang des Krieges zum Lazarett. Die Schüler mussten die umliegenden Schulen besuchen. Das bedeutete auch oft weitere Schulwege.

Nach der 4. Klasse wollte ich in einer Mittelschule weiter lernen. Dazu war eine Aufnahmeprüfung notwendig. Ich habe als einzige von allen Prüflingen diese Prüfung nicht bestanden. Meine Klassenkameraden und auch ich selbst konnten das nicht verstehen. Mein Vater wurde aus diesem Grund in die Schule beordert. Ihm wurde angetragen, in die Hitler-Partei einzutreten, dann wäre für mich der Schulbesuch auch möglich. Darauf hat sich mein Vater aber nicht eingelassen, sodass ich mit meinen bisherigen Klassenkameraden von nun ab die Bernsdorfer Schule besuchte. Inzwischen war ja nun Krieg, wir mussten uns immer wieder an andere Lehrer gewöhnen, da viele in den Krieg zogen.

Ich hatte wieder Glück, mein Vater arbeitete weiter in seinem Betrieb, der in zwischen enorme Aufträge zur Aufrüstung Deutschlands zu erfüllen hatte. Dadurch wurde mein Vater als „unabkömmlich“ eingestuft und musste nicht in den Krieg. Er kam jeden Tag nach Hause, was bei vielen meiner Spielkameraden nicht mehr der Fall war. Erst ganz am Ende des Krieges wurde er zum Volkssturm eingezogen. Zum Glück ist ihm nichts passiert.

In der 8. Klasse, 1942/43, also immer noch mitten im Krieg, ging es für mich darum, welchen Beruf ich einmal erlernen will. Mein Wunsch war, Kindergärtnerin oder Lehrerin zu werden. Aber daraus wurde erst einmal nichts, denn nach der 8. Klasse mussten alle zum Pflichtjahr. Meine Eltern haben wahrscheinlich alles getan, um das zu umgehen und haben es geschafft, dass ich die Haushaltschule, das war die Körnerschule in Chemnitz, besuchen konnte. Dort lernte ich kochen, aber auch vieles zur Kindererziehung, einfach alles, was zur Führung eines „deutschen“ Haushalts notwendig war.

In dieser Zeit arbeiteten bei der Firma Reinecker viele russische Frauen – Ostarbeiter. Mein Vater hat mir gegenüber wenig darüber gesprochen, aber ich habe mitbekommen, dass diese jungen Mädchen schlecht behandelt werden, sie wenig zu essen bekommen und niemand Kontakt zu ihnen aufnehmen durfte. Ich merkte, dass am Morgen, wenn Vater zur Arbeit ging, nicht nur einmal Frühstücksbrote in seine Tasche kamen, sondern zusätzlich ein zweites Päckchen. Es war gefährlich, solche Kontakte zu haben. Er erzählte mir davon, dass er das Frühstück an einer ausgemachten Stelle ablegt, dass keiner, auch von seinen Mitarbeitern, davon etwas mitbekommt.

Besonders von einem jungen Mädchen hat er gesprochen, die Tatjana hieß, wahrscheinlich arbeitete sie unter seiner Anleitung. Als diese Frauen zum Ende des Krieges wieder in ihre Heimat zurückkehrten, wollte mein Vater dieser Tatjana unbedingt ein Andenken mitgeben. Er bat meine Mutter, sich von ihrem goldenen Kettchen mit einem Anhänger, in dem zwei Bilder waren, zu trennen, um es diesem Mädchen zu schenken. Meine Mutter war einverstanden. Das hat mich sehr berührt und ist in meiner Erinnerung geblieben.

Ab 1944 spürten wir, dass die Lage in Deutschland immer schwieriger wurde. Nicht nur, dass die Lebensmittel zugeteilt wurden, sondern uns beängstigten auch die Flugzeuge, die in ganzen Geschwadern über uns hinweg flogen. Im Februar 1945 wurde es dann ganz schlimm. Die Bombenangriffe häuften sich, wir erlebten, wie die Flugzeuge mit ihrer Bombenlast in Richtung Dresden flogen und sahen den feuerroten Himmel von der brennenden Stadt bis hier in Chemnitz.

Hinter der Geibelsiedlung gab es damals, außer einer Gartenanlage, bis nach Adelsberg nur Ackerfläche. Als Chemnitz bombardiert wurde, ist auf der Geibelstraße, mitten in einer Häuserzeile, ein einziges Haus getroffen worden, alle Bewohner kamen ums Leben. Sonst sind die Bomben, wir hatten also Glück, auf dem freien Land, hinter der Siedlung gelandet. Eine Bombe hat noch einen Krater mitten in die Geibelstraße gerissen, er war noch lange nach Kriegsende zu sehen.

Ich habe schon davon gesprochen, dass die Lebensmittel immer knapper wurden. Meine Mutti arbeitete schon immer bei ihrer Schwägerin in einem Milchgeschäft. Anfangs fuhr sie noch mit einem Wagen voller Milchkannen zur Belieferung der Haushalte. Später arbeitete sie direkt als Verkäuferin im Laden. Ihren Lohn bekam sie täglich im Form von 1,5 Liter Milch. Das half uns sehr, es wurden Mehlspeisen gekocht, irgendwie kam immer etwas Essbares auf den Tisch.

Eines Tages war der Krieg endlich zu Ende. Ich war ein junges Mädchen, hatte zwar keinen Beruf, versuchte mich aber überall nützlich zu machen. Dabei war die Bezahlung unwichtig, denn es gab ja fast nichts zu kaufen. Die Impfaktionen liefen an, dabei half ich und erledigte alles Schriftliche. Etwas später wurde in einer Gaststätte eine Kindertagesstätte eröffnet und ich bekam die Möglichkeit, dort zu arbeiten.

Meinen Berufswunsch, Kindergärtnerin oder Lehrerin zu werden, habe ich nie aufgegeben. Über Weiterbildungen, die ich neben der Arbeit besuchte, landete ich in der Schule als Lehrerin, legte hier in Chemnitz die 1. Lehrerprüfung ab und folgte dann meinem Mann - wir hatten inzwischen geheiratet – nach Gera, wo ich weiter als Lehrerin tätig war.



Inge Müller erzählt aus ihrem Leben