Elfriede Arnold erzählt aus ihrem Leben

Schule, Pflichtjahr und die Bomben

1932 wurde ich eingeschult. Damals waren die Schulaufnahmen immer in der Osterzeit. Es gab für jedes Kind eine Schiefertafel in der 1. Klasse. Ängstlich saß ich in den ersten Tagen auf der Schulbank. Das Lesen fiel mir anfangs schwer. Damals durfte der Lehrer noch kleine Schläge austeilen und so musste ich meine kleine Hand hinhalten und bekam mit dem Lineal, was der Lehrer in der Hand hatte, zehn Schläge. Zu jedem Wochenappell mussten wir im Korridor antreten und das Lied singen „Heilig Vaterland in Gefahren, deine Söhne sich um dich scharen. Eh’ der Fremde dir deine Krone raubt…“. Der Lehrer unterrichtete uns im Sinne des 1000-jährigen Reiches und Hitler, der 1933 an die Macht kam. Der Geschichtsunterricht galt dem damaligen Deutschland mit den Grenzen seiner Kolonien in Afrika. In meiner Klasse saß eine jüdische Schülerin, deren Eltern Besitzer eines Schuh-Warenhauses in der damaligen Johannisstraße waren. 1935 begann die Judenverfolgung. Meine Mitschülerin wurde aus der Klasse entfernt. In Schaukästen zeigte man uns diese Menschen als Karikaturen. Als Kind von zehn Jahren stand ich auf dem Weg zur Schule oft davor. Mich bewegten die Gedanken, was das soll. Doch von den Erwachsenen konnte ich aus Angst oder Furcht keine Antwort erhalten. In den kommenden Jahren wurde ich eine lernbegierige Schülerin und ging gern zur Schule. Wir hatten Achtung gegenüber unseren Lehrern. Der Unterricht war streng, unterworfen dem damaligen Regime. In unserem ärmlichen Zuhause konnte ich nicht viel erwarten. Meine Mutter verdiente als Näherin pro Woche 8 Reichsmark. Monatlich erhielt sie für uns zwei Kinder 26 Reichsmark Halbwaisenrente. Mein Bruder und ich verdienten uns in den Schulferien mit Arbeit kleine Beträge, die ich der Mutter fürs Brot gab. Als kleines Mädchen war ich bei meinen Tanten beliebt. Durch meine Bescheidenheit durfte ich sie abwechselnd in Leipzig oder Berlin besuchen. Diese Besuche habe ich noch gut in Erinnerung und ich sah vieles, was mir noch unbekannt war, vor allem, worüber man mit Kindern bei uns zu Hause nicht sprach. Heute ist mir noch in Erinnerung, wie fünf Särge aus einem Haus herausgetragen wurden. Eine jüdische Familie hatte ihrem Leben ein Ende gesetzt. Es war die Zeit der Judenhetze und Verfolgung. Damals sagten die Menschen vorsichtig ihre Meinung den Nächsten, ohne zu wissen, wie gefährlich das ist, denn es gab viele Spitzel der Hitlerregierung. In Chemnitz war ich oft bei meinen Großeltern, Louis und Marie Hofmann. Ich lernte dort aus Erzählungen aus ihrem Leben vieles zum Nutzen meines Denkens. Mein Großvater war ein Marx- und Lenin-Verehrer und auch durch seine politische Meinung zum Hitlerregime immer in Gefahr. Er sollte auch in hohem Alter noch verhaftet werden. Zwei schwarz gekleidete Männer standen vor seinem Bett – ich sehe das noch vor mir – wie sie ihn aufdeckten. Er lag wegen seines Asthma-Leidens im Sterben. Meine andere Oma war als Findelkind gefunden und von einer fremden Frau angenommen worden. Ihren Mann, was mein Großvater war, habe ich nie kennengelernt. Er wäre in Köln bei einem Fahrstuhlunfall gestorben. In meinem Verwandtenkreis gab es noch weitere traurige Schicksale. Die Cousine Camilla, von Louis Hofmann, wurde wegen eines Versehens zum Tode in Berlin-Plötzensee verurteilt. Den Abschied, den sie ihren Angehörigen erbrachte, habe ich als 12-Jährige miterlebt. So war meine Kindheit schon von den Leiden der Menschen, die mir nahe waren, geprägt. Es vergingen die 8 Schuljahre und ich hatte besonders die Fächer Geschichte, Naturkunde gern und schrieb lange Aufsätze. Herr Neubert, unser späterer Klassenlehrer war für mich ein Vorbild. Er machte keinen Unterschied zwischen armen und reichen Kindern. Nach der Schulentlassung 1940 musste ich ein Pflichtjahr auf dem Lande absolvieren. Ich wurde ein Jahr nach Leubsdorf zum Bauern Emil Lech verpflichtet. Als 14jährige lernte ich die harte Arbeit in der Landwirtschaft kennen. Meine Liebe zur Natur und Achtung der Arbeit wurden hier geprägt.

Elfriede Arnold

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