Meine Kindheit war vom Krieg geprägt

Christa Spieß – geboren 1935

Geboren wurde ich in der Dürerstraße, dort haben wir einige Jahre in Untermiete gewohnt.Meine Mutter war bei meiner Geburt noch sehr jung, gerade 18 Jahre alt, aber mit meinem Vater verheiratet. Er arbeitete in der Chemnitzer Molkerei am Zeisigwald und hat mit dem Pferdewagen Milch ausgefahren, bis er arbeitslos und dann zum Westwall dienstverpflichtet wurde. Als dann der Krieg begann, musste er Soldat werden. 1938 wurde mein Bruder geboren. Meinen Vater habe ich eigentlich nie richtig kennengelernt.
Unsere Familie hat dann eine eigene Wohnung,  Am Rosenplatz 2, bekommen. Diese Wohnung hatte ein Kinderzimmer, Wasseranschluss war im Haus, direkt vor der Wohnungstür, das Klo auf halber Treppe. Ja, so war das eben damals.
Meine Oma war auch verwitwet, ihr Mann, der Vater meiner Mutter, war im 1. Weltkrieg gefallen.
Da meine Oma sehr krank war, kümmerten wir uns täglich um sie.
Es war in der Zeit, Anfang 1945, als dann schon oft die Sirenen heulten und mit Fliegeralarm zu rechnen war, da zogen wir mit dem Handwagen los, um Feuerung und anderes zur Oma zu bringen. Da hatten wir als Kinder schon angst.
Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater wollte nicht, dass sie arbeiten geht, einen Beruf hatte sie nicht. Um ein „Zubrot“ zu haben, strickte sie im Auftrag von Bekannten. Ich weiß noch, dass sie für die Fabrikantenfamilie von Görner & Rätzer, die im Haus eine ganze Etage bewohnten,  die Babyausstattung strickte.
Ich besuchte die Dittesschule, war dort eingeschult worden. Der Unterricht ist oft ausgefallen, weil es immer häufiger Fliegeralarm gab. Ich bin dann immer den Berg hinunter zur Bernsdorfer Straße nach Hause gerannt.
Auf der Straße Am Rosenplatz standen nur drei Häuser, Am Rosenplatz 2, 4 und 6. Bei einem  Bombenangriff, es kann im Februar 1945 gewesen sein, hat eine Luftmine das Nebenhaus von uns getroffen. Die Fensterscheiben in unserem Haus waren kaputt, die Ziegelbrocken lagen bis in die 4. Etage in den Wohnungen. Wir waren bei den Bombenangriffen immer im Keller – es war ein fester Gewölbebau. Viele Hausbewohner waren schon nicht mehr da, sie hatten außerhalb der Stadt Unterkunft gefunden.Nach einem weiteren Bombenangriff sind wir nachts aus dem Keller raus und mit einer Familie aus unserem Haus, die in Reichenhain ein Grundstück hatte, dorthin gelaufen. Nur die Hauswirtin blieb zurück. Wir haben nichts mitgenommen. Auf der Bernsdorfer Straße brannte es, auch die Straße ist mir brennend in Erinnerung. Das kam von den Phosphorbomben.
Als wir am nächsten Tag zurückkamen, hatte der furchtbarste aller Angriffe im März 1945 auch unser Haus in Brand gesetzt, nur noch die Ruinen standen. Von unseren Habseligkeiten im Keller
war nichts mehr vorhanden, wahrscheinlich hatten sich andere bedient. Die Hauswirtin hat in einem Schuppengebäude überlebt.
Wir hatten nun nichts mehr. Mutter und wir zwei Kinder sind von einer Freundin meiner Mutter, die  auf dem Sonnenberg wohnte, aufgenommen worden. Endlich war der Krieg zu Ende. Es hat fast drei Jahre gedauert, bis wir wieder eine Wohnung gefunden haben. In der Zeit bis dahin, haben wir bei unterschiedlichen Freunden und Bekannten gelebt. Das ging vielen Menschen in Chemnitz so.  Mein Vater war inzwischen auch tot, er war im Krieg beim Einsturz einer Brücke im Fluss ertrunken. Erst später als ich aus dem Kindesalter raus war, ist mir bewusst geworden, was meine Mutter in dieser Zeit an Sorgen aushalten musste.
Endlich haben wir dann in einer Baracke im Yorckgebiet zwei Zimmer zugewiesen bekommen.
Von nun ab habe ich bis zum Ende der Schulzeit die Gablenzer Schule besucht. An diese Zeit erinnere ich mich nicht gern. Wir waren arm, hatten nur das Nötigste. Meine Mutter konnte nichts tauschen, was damals viele, die ihre Sachen über den Krieg weg gerettet hatten, taten. Dadurch wurde ich als Schülerin oft „gehänselt“.
Anfangs hat meine Mutter als Trümmerfrau, wie viele andere Frauen auch, schwer gearbeitet, bis sie dann zur Wismut gegangen ist. Da war sie natürlich die ganze Woche nicht zu Hause. Wir zwei wurden in dieser Zeit von Pflegeeltern betreut.
Mit 14 Jahren, zum Ende der Schulzeit, bin ich zu einem Bauern gekommen und habe dort sechs Jahre gearbeitet. Es gab genügend zu essen, und mir ging es gut.
Nach Chemnitz zurückgekommen, habe ich Arbeit bei Barkas bekommen. Ich habe mein Leben gestaltet, eine Familie gegründet. Aber die Nachwirkungen des Krieges waren noch lange in mir und natürlich auch in meiner Heimatstadt Chemnitz gegenwärtig.

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