So viele Geschichten

Meine Eltern und der Krieg

Frau Angelika Diener, Jahrgang 1946, aus Chemnitz, erzählt über das Leben ihrer Eltern

Charlotte und Alfred Ueberlein

Mein Vater war einer, der zeitlebens unangepasst aber auch unauffällig gelebt hat, wenig über seine Kindheit, seine Jugendzeit und gar nicht über die Zeit des 2. Weltkrieges gesprochen hat, meine Fragen blieben immer unbeantwortet. Die Aussage meiner Mutter dazu war, dass er den Krieg gehasst und sein früheres Leben in sich begraben hat.

1907 geboren, war schon durch den ersten Weltkrieg seine Kindheit von Armut und Entbehrung geprägt. Er wuchs in Schlesien, Fellhammer, gemeinsam mit vier Geschwistern auf. Sie lebten sehr ärmlich in einem kleinen Haus, ähnlich einer Kate, mit zwei vielleicht auch drei kleinen Räumen. In dem Gebiet in Schlesien, um Gottesberg, war der Bergbau zu Hause und alle männlichen Familienmitglieder fanden dort Arbeit, eine körperlich schwere Arbeit, aber andere gab es nicht. So begann auch das Arbeitsleben meines Vaters, als er lt. Zeugnis „nach vollendeter Schulpflicht“ mit 14 Jahren aus der Schule entlassen wurde, im Bergbau.

Besonders erwähnenswert ist, denn es wirft einen Blick auf seine Erziehung, dass er schon Ethikunterricht hatte und nicht Religion, wie eigentlich üblich in dieser Zeit und damit auch nicht konfirmiert wurde sondern 1922 an der Jugendweihe teilnahm. Die Urkunde und auch das Buch, das die Jugendweihlinge (siehe Foto) erhielten, weisen ihnen den Weg in eine bessere Welt und eine heile Natur. Schon 1922 wurde mein Vater Jungsozialist, Mitglied der Jugendorganisation der SPD.

Im Jahr 1928 ist er aus Schlesien weggegangen in die damals aufstrebende Industriemetropole Chemnitz mit einer starken Arbeiterklasse. Ohne erlernten Beruf fand er Arbeit als Hilfsarbeiter (Putzer) bei der Straßenbahn der Stadt Chemnitz. Zu dieser Zeit war mein Vater schon Mitglied der SPD und vor allem gewerkschaftlich engagiert tätig. Das war der Grund dafür, dass er am 8. Mai 1933 die Kündigung (siehe Kündigungsschreiben) erhielt, mit der Begründung “Sie sind staatsfeindlicher Einstellung verdächtig und haben den Arbeitsfrieden durch politische Agitation im Betrieb gestört“. Es war die Zeit der beginnenden Verfolgung Andersdenkender durch die Faschisten, und es war schon sehr gewagt, sich gegen solche Entscheidungen des Betriebes zu wehren. Aber mein Vater hat genau das getan und legte mit einem Schreiben an den Reichskommissar für Sachsen in Dresden (siehe Schreiben) Widerspruch gegen die Kündigung ein. Natürlich wurde diesem nicht stattgegeben (siehe Antwortschreiben). Damit war er zum „Staatsfeind“ gestempelt und erhielt von nun an keine feste Arbeit mehr.

In Chemnitz-Siegmar gab es die Molkerei Lange. Dort arbeitete meine Mutter, und die Großeltern hatten nahe dem Nikolaibahnhof, Reichsstraße Ecke Zwickauer Straße einen Milchladen, eine Filiale dieser Molkerei. Mein Vater hat jeden Morgen bestellte Milch vom Geschäft zu den Kunden in die Wohnung gebracht und dadurch etwas Geld zum Leben zu verdient. Auf diese Weise lernten sich meine Eltern 1938/39 kennen, 1940 heirateten sie.

Durch die Initiative meiner Mutter erhielt mein Vater 1939 doch wieder Arbeit bei den Wanderer-Garagen, Chemnitz, Kohlstr. 2. Die Arbeit dort war nur kurzzeitig, denn schon 1940 wurde er zum Kriegsdienst an die Westfront nach Frankreich eingezogen.

Ich kann mir vorstellen, dass die Kriegserlebnisse seinen Hass auf den Krieg, auf unsinniges Morden von Menschen bestärkt haben. Bestimmt deswegen schrieb er von der Front einen Brief an die „Kameraden der Wanderer-Garagen“. Der Brief ist nicht mehr vorhanden, aber aus dem Antwortbrief eines Osmar Linke, bestimmt ein Angestellter der Wanderer-Garagen (siehe Brief), ist der Inhalt des Briefes zu erahnen. Mein Vater hat offensichtlich über das Warum des Krieges, über die Unsinnigkeit grundlos fremde Menschen in einem fremden Land umzubringen, seinen Arbeitskameraden berichtet. Osmar Linke hat ihm, wie er schreibt einen „ Fingerzeig“ gegeben. Zitat aus dem Antwortbrief: „Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Sie mit ihren Bemerkungen an und für sich schon vorsichtiger sein müssten, da doch die Briefe teilweise von der Zensur geöffnet werden und über die Tragweite Ihres Geschehens für den Fall, dass Ihre Kompanie von dem Inhalt Kenntnis erhalten sollte, dürften Sie sich wohl bewusst sein“. Auch darüber hat mein Vater nie gesprochen, aber er hat den Brief sorgfältig aufbewahrt.

Nach einem Lazarettaufenthalt irgendwo am Rhein, kam er auf Genesungsurlaub nach Hause.

Das muss im März 1945 gewesen sein. Zu dieser Zeit war der Krieg schon nach Deutschland zurückgekehrt. Für meine Mutter stand fest, dass sie ihren Mann nicht mehr zurück an die Front lässt, sie wollte ihn nicht in letzter Minute noch verlieren. Sie hat am Stadtrand von Chemnitz eine Unterkunft gefunden, wo sich mein Vater bis zum Kriegsende versteckt gehalten hat. Das war zu dieser Zeit sehr riskant, denn überall gab es noch Anhänger, die auf der Seite der Faschisten standen und bereit waren, Menschen zu verraten. Deserteure wurden sofort erschossen. Deswegen brachte dieses Vorgehen beide in große Gefahr. Ich meine, meine Mutter hat einfach nicht anders handeln können. Die Verzweiflung der Menschen war groß, Hunger und Elend, die Bombenangriffe auf Chemnitz haben den Hass der Menschen auf diesen Krieg bestärkt.

Während der gesamten Kriegszeit arbeitete meine Mutter bei der Molkerei Lange. Dort erhielt sie auch einmal die Nachricht, dass ihr Cousin im Krieg gefallen ist. Da hat sie voller Verzweiflung und Wut auf diesen Hitler ein Leimfass auf das an der Wand hängende Hitlerbild geworfen. Eine Tat, die ihr durchaus auch große Schwierigkeiten hätte einbringen können. Aber sie wurde im Betrieb gebraucht, sie konnte als einzige Frau das Milchauto fahren, das die Milch in die Filialen brachte, so geschah ihr nichts, sie hatte Glück.

In der Molkerei Lange arbeiteten auch Kriegsgefangene, vielleicht waren es auch Fremdarbeiter. Das ist mir nicht genau bekannt. Einen von diesen, einen jungen Russen, versorgte meine Mutter heimlich mit etwas zum Essen, obwohl die Lebensmittel schon lange rationiert waren. Sie konnte nicht verstehen, dass dieser junge Mensch hier in Deutschland für seine Feinde arbeiten und dabei noch Hunger leiden musste. Eines Tages, die Wirren des Krieges hatten zugenommen, stand er vor ihrer Wohnungstür, um sich zu verabschieden. Er wollte sich zu seinen Leuten durchschlagen, ob es ihm gelungen ist, hat sie nie erfahren. In einem Foto von ihm glaubte sie Ähnlichkeiten zu dem russischen Soldaten zu erkennen, der zu Kriegsende die rote Fahne auf dem Gebäude des Deutschen Reichstages gehisst hat.

Den Bombenangriff am 5. März 1945 vor allem auf die Innenstadt von Chemnitz erlebten meine Mutter und die Großeltern in einem Luftschutzkeller unter einem Hügel auf der Reichsstraße. Sie mussten bei Fliegeralarm in diesen Bunker gehen, weil das Wohnhaus nicht unterkellert war. Es muss nach den Erzählungen meiner Mutter und dem Artikel an die Freie Presse, den sie anlässlich des 50. Jahrestages der Bombardierung von Chemnitz geschrieben hat, in diesem Bunker furchtbar gewesen sein. Aber sie haben überlebt, denn als sie aus dem Luftschutzkeller heraus kamen, sahen sie, dass das Wohnhaus und damit auch der Milchladen, die Existenz meiner Großeltern, vollkommen zerbombt worden war.

Deswegen war im weiteren Leben meiner Eltern die Erhaltung des Friedens immer das wichtigste, diesem Gedanken haben sie alles untergeordnet.

Das entbehrungsreiche Leben meines Vaters hat seine Spuren hinterlassen, er erkrankte an der gefürchteten Lungenkrankheit TBC. Aber man kümmerte sich, er kam mehrmals zur Kur. 1946 wurde er wieder bei der Chemnitzer Straßenbahn angestellt. Die Jahre seiner Zangsarbeitslosigkeit ab 1933 sind als Arbeitsjahre bei der Straßenbahn anerkannt worden.

Ich wurde geboren, es begann das Leben in einer neuen Zeit, in die mein Vater große Erwartungen setzte. Wir konnten als Familie für wenig Geld in Urlaub fahren, ich ins Betriebsferienlager, der Mensch galt jetzt etwas.

Die Vereinigung von KPD und SPD hat er mitgetragen und ist in der neu entstandenen Partei SED geblieben, obwohl er auf Grund seiner Herkunft (SPD) immer in der „zweiten Reihe“ stand. Über Fehler und Mängel im neuen Staat DDR, von ihm auch als solche erkannt, setzte er immer seinen Ausspruch: „Seit froh, dass wir im Frieden leben können“.

1975 ist mein Vater verstorben, meine Mutter im Jahr 1995.

Die Verachtung von Kriegen und allem, was Kriege befördert und auslöst, hat mich so mein ganzes Leben begleitet. Und ich vertrete den Standpunkt, dass kein Staat, keine Regierung, keine Religion das Recht hat, Menschen im Krieg leiden und sterben zu lassen.